Satire

Mir träumte, …

… dass jede Schülerin, jeder Schüler wieder zur Schule gehen durfte, vorausgesetzt ihr oder ihm stünden im Klassenzimmer jeweils zwanzig Quadratmeter zur Verfügung. Die Mund-Nasenschutz-Pflicht war selbstverständlich. Ein Einkaufswagen musste mitgeführt werden. Als Alternative wurden auch Babyelefanten zugelassen.

Mit deutschen Touristen, die in Heerscharen gegen ihren eigenen Willen über die Grenzen nach Österreich gebracht wurden (sie hatten dem sogenannten Köstinger-Erlass Folge zu leisten!), wurden Zuschauerränge nur auf der Tribüne der Bregenzer Seebühne und am Domplatz in Salzburg lose aufgefüllt. Philipp Hochmair spielte den „Jedermann“ – allein, natürlich mit Mundschutz. Als Könner der großen Expression mit den Augen brachte er das verstreut platzierte Publikum sowohl zum Lachen als auch zum Weinen. Obwohl letzteres verboten war. Das Virus könnte in Tränen nachgewiesen werden, das hatten Mathematiker des Bundeskanzleramts errechnet.

Weinen war darum auch bei Begräbnissen verboten, da durften ohnedies nur die engsten Angehörigen trauern. Wehe, jemand verlor dabei eine Träne. Für diesen Umstand hielt sich in Sichtweite ein Exekutivbeamter mit Fernglas bereit. Er beobachtete die Augen aller Trauernden genau. Jede Träne wurde sofort mit einer Anzeige geahndet, jedes Tröpfchen Gefühl kostete 360 Euro. Es waren teure Zeiten für die Bevölkerung, der in weiten Teilen ihr Einkommen entfallen war. Die rigorose Strafpolitik erreichte sohin ihren Höhepunkt und damit wurde klar, was der Bundeskanzler meinte, als er vor Ostern ankündigte, jetzt sei „die Ruhe vor dem Sturm“ der vielfältigen Sanktionen.

Die wenigen, die sich hingegen nicht davon abhalten ließen, in dieser Zeit den Bund fürs Leben zu schließen, hatten eine eidesstattliche Erklärung zu unterzeichnen, derzufolge es dem Bräutigam erst gestattet war, die Braut frühestens nach Existenz eines Impfstoffs und Durchimpfung der gesamten Weltbevölkerung zu küssen, also in etwa 2024. Möbelhäuser bauten Ehebetten, die zwischen Mann und Frau einen Spalt von mindestens einem Meter Breite setzten, beim weltmarktbeherrschenden Selbstbaumöbelriesen hieß das Modell „Cörönagråben“.

Wer zeugte, wer schwanger wurde, musste ab Nachweis bis zur Geburt in häusliche Quarantäne und täglich 500mal den Satz schreiben „Wir hätten nicht dürfen, sind darum schon jetzt schlechte Eltern und schämen uns“. Eine App des Roten Kreuz überwachte dies. Der Mutter-Kind-Pass wurde als Dokument aufgewertet, somit war der werdenden Familie zugleich als Alternative zur 40-Wochen-Quarantäne die jederzeitige Ausreise „one-way“ aus Österreich gestattet.

Apropos Körperlichkeit: Die Regierung richtete für die komplett niedergegangene Pornofilmindustrie einen eigenen Härtephallfonds in Millionenhöhe ein. Die Arbeitslosenbezüge für alle Darsteller wurden auf hundert Prozent ihrer Einkommenssituation vor der Pandemie gesetzt. Sie kämen unverschuldeter als andere zur Krise und seien insbesondere betroffen, weil ihre Arbeit niemals mit Mund-Nasen-Schutz und erst recht nicht unter Einhaltung des gebotenen Mindestsicherheitsabstands durchzuführen sei, argumentierte der Kulturminister in einer eilig eigens einberufenen Pressekonferenz.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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