Klima

Der schwache Kontakt zu unseren Wünschen

Einer der herausragendsten Promotoren von Veränderung ist der österreichisch-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann, er wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Bergmanns Zugang zur Arbeit als einer, „die wir wirklich wirklich wollen“, braucht Zeiten von Verunsicherung und damit einhergehender Dynamisierung. Zuletzt erwuchs diesem Denken in der Finanz-, dann Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren neue Bedeutung. Mitte der achtziger Jahre statuierte Bergmann an der niedergehenden Automobilindustrie Amerikas das Exempel, wie sich ein Splitting von Erwerbsarbeit und Arbeit für sich bzw. das Gemeinwohl leben lässt.

Bergmanns Denkansatz möge heute eine Renaissance erleben, wenngleich sich die Sinnausrichtung des (neuen) Arbeitens vom Sozialen zum Ökologischen verschieben muss. Nach einem Jahr 2019 voller Ansagen von und Forderungen nach notwendigen Handlungen gegen den Klimawandel müssen Taten folgen. Vor drei Wochen noch zeigten uns Fernsehbilder übermüdete Delegierte, die ihre Beine über Sofalehnen baumeln ließen, dem Schlaf der Gerechten hingegeben, ein Sinnbild aus Madrid, wo die zweiwöchige Klimakonferenz mit der Lächerlichkeit eines Papiers endete, in dem nur steht, dass die Nationalstaaten zu mehr Konsequenz in ihrem eigenen, auf 2030 hin ausgerichteten Handeln angehalten werden. Neu in der internationalen Kommunikation war lediglich eines – verbuchen wir es als kleinen strategischen Fortschritt im Bereich des Ergebnismarketings – die Klimaschurkenstaaten wurden klar und deutlich beim Namen genannt: Vereinigte Staaten von Amerika, Brasilien, Saudi-Arabien, Indien, Australien, Russland. Fallweise fielen auch die Namen der jeweiligen Regierungschefs als Verantwortungsträger.

Es ist kaum vorstellbar, dass die Bevölkerungen dieser Länder kein Interesse daran haben, die Erwärmung des Klimas abzufangen. Nicht alle schützen ihre Denk- und Handlungsfähigkeit mit Ignoranz der Fakten wie etwa Donald Trump. Nicht alle wissen, dass sie es selbst in der Hand haben, jede und jeder für sich, auch dann, wenn Weltkarten zur Intensität von CO2-Emissionen die USA und China wie rote Ampeln leuchten lassen. Bergmann spricht in diesem Zusammenhang von „Selbstunkenntnis“, eine im Deutschen etwas sperrig klingende Wortschöpfung als Gegenteil zu „Selbsterkenntnis“, das Englische macht es deutlicher: self-ignorance. „Die Tatsache, dass wir in überraschend schwachem Kontakt zu unseren Wünschen stehen, ist eine der schwierigsten Grundlagen für einen großen Teil der Praxis und des Denkens der Neuen Arbeit“, schrieb Bergmann. Die Dialektik sieht er im Ich und Du. Das Ich bildet sich ein Leben lang aus und hat das Problem, dass es schwierig auf sich selbst schauen kann. Das ist der Job des Du.

Diese Haltung (…) könnte man mit einem Ausspruch Goethes umschreiben. Man müsse sich selbst verlassen und in die Welt gehen, um zu sich selbst zu kommen (…) Vor diesem Hintergrund gehört es zu den wesentlichen Anstrengungen, die folgenden Fähigkeiten zu entwickeln. Da wir uns selbst so wenig kennen, doch andererseits in Richtung auf andere solchen Scharfblick besitzen, müssen wir unsere volle und ungeteilte Aufmerksamkeit dem zuwenden können, was andere sagen und tun; wir müssen also die Disziplin eines fein abgestimmten und geübten Zuhörens entwickeln, dass alle Nuancen dessen wahrnimmt, was der andere sagt. Man kann sich leicht vorstellen, welche Auswirkungen dies auf sehr viele unserer üblichen Anstrengungen hat. (…) (Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, Neue Kultur, 2004, S. 352-353)

Dies uns allen ins Stammbuch! Am Beginn eines Jahrs, in dem wir, was Klimaschutz betrifft, zwingend vom Aufzeigen und Demonstrieren ins Handeln kommen müssen: (neue) Arbeit also, die wir angehen wollen.

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