Philosophie

Die Kunst, Weihnachten zu genießen

Liebe Schülerinnen, liebe Schüler! Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen!*

Alles hat seine Zeit. Wir gehen auf einen Höhepunkt im Jahreslauf zu. Ich finde, es gibt keinen besseren Moment, um über das Fließen der Zeit nachzudenken. Jetzt, vor dieser Pause, die wir uns alle wünschen. Die zulässt, dass wir uns für ein paar Tage vom Tyrannen Zeit befreien. Genau darin liegt für mich die Kunst, Weihnachten zu genießen.

Die Zeit hat uns im Griff, sie hat mich im Griff. Die Fessel, die sie mir anlegt, sitzt als Uhr an meinem Handgelenk. Zu Weihnachten aber läutet kein Wecker in der Früh, keine Schulglocke, es gibt keine Termine. Ich kann in den Tagen vor und zu Weihnachten und besonders gut dann zwischen Weihnachten, Neujahr und den Heiligen Drei Königen vergessen, welchen Wochentag wir gerade haben. Ich kann in den Tag leben. Mit dem Tag leben. Ich kann mit dem Licht des Tags leben, das langsam, noch sehr langsam wieder zunimmt. Wir stehen ja unmittelbar vor der Sonnenwende.

Weihnachten ist auch das Fest des zurückkehrenden Lichts. Leben braucht Licht. Das Kind in der Krippe ist auch ein Symbol dafür.

Wer sich zu dieser Zeit im Jahr mit Brauchtum beschäftigt, weiß Bescheid um die Raunächte. Die Zeit zwischen der Nacht von 20. auf 21. Dezember und der von 5. auf 6. Jänner gilt auch als „Zwischen-Zeit“, als eine Form von Stillstand, eines Aussetzens, die Wintersonnenwende wurde ursprünglich als eine Phase des Sonnenstillstands verstanden.

Weihnachten und die Weihnachtsferien sind für mich eine Zeit, die uns durch den Ausstieg aus den sonst bestimmenden Rhythmen stillstehen lässt. Wir halten inne.

Da kann der Kopf dann frei werden. Wie ein Kontrapunkt zu meinem Denkansatz von Weihnachten als Kunst, der Zeit zu entsagen, fällt in die Zeit nach Weihnachten ein ganz bedeutendes Ereignis der Zeitmessung, nämlich der Jahreswechsel. Durch ihn beflügelt sich die Freiheit im Kopf in diesen doch noch finsteren Tagen zu etwas ganz Herrlichem. Diese Freiheit breitet sich aus, sie lädt ein zurückzublicken, zu reflektieren, zu bilanzieren und sie verführt zu phantasieren, zu planen, nach vorne zu schauen.

Die Kunst, Weihnachten zu genießen, besteht auch darin, im Kopf Bilder zu malen von dem, was eintreten möge, wenn ich nach dieser schönen stillen und geheimnisvoll dunklen Zwischenzeit zurück in den Fluss der Zeit steige.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen eine schöne Weihnachtszeit!

*Diese kleine Rede hielt ich am 20.12.2019 bei der Schulfeier mit religiösen Beiträgen in der HBLA für künstlerische Gestaltung in Linz (Oberösterreich). Ihr Titel nutzt das Motto der Feier.

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