Medien

Die Fiktionen dienen uns, nicht wir ihnen

Die Wirklichkeit eines Sonnenuntergangs am 5. November 2018 um 16:45 Uhr bei Föhnwetterlage

Der Verführung, seiner Empörung Luft zu verschaffen, erliegt man als Pilot im social-media-Raum sehr rasch. Insbesondere auf Twitter beobachte ich in den vergangenen Wochen zunehmende Verbissenheit. Da schnappen viele mit durchaus auch kräftigem, jenseits von Respekt und Höflichkeit liegendem Vokabular zu und hängen dann mit geschlossenem Gebiss an ihrem Thema fest. Das ist gut für den Moment, weil es den in ihnen hochpfauchenden Druck in eine Handlung übersetzt. Nur bringt uns der Zahnabdruck einer flapsigen Formulierung in diesem Medium (bestenfalls einem Hort moderner Aphorismen, auch wenn die wirklich prägnanten Formulierungen Seltenheitswert haben), nicht weiter.

Das schelmische Wort der „Twitteria“ (ich höre es von und autorisiere es darum mit Andreas Koller, stv. Chefredakteur der Salzburger Nachrichten) bezeichnet es genauso gut wie das allseits verwendete Synonym der Echokammer für die jeweilige social-media-Blase, der man angehört. In Österreich gibt es von diesen zumindest zwei. Beide haben die Wahrnehmungsfähigkeit von Wirklichkeit verloren. Nun gut, das mit der Wirklichkeit ist an sich eine schwierige Angelegenheit. Denn Wirklichkeit entsteht durch Konstruktion. Das Konstruktive lebt zu einem guten Teil auch von der Fiktion, jener Fähigkeit, zu der Menschen in der Lage sind, seit sie in ihrem Leben Zeit und Raum für Angelegenheiten über das Sichern ihres Überlebens hinaus gefunden haben.

Yuval Noah Harari beschäftigt sich in seinem Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ mit der Fragestellung der intersubjektiven Sinngeflechte, die wir permanent weben, und er rät da zu einer neuen Besonnenheit, die uns anhält, gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können:

Fiktion ist nicht schlimm. Sie ist lebenswichtig. Ohne gemeinsam akzeptierte Geschichten über Dinge wie Geld, Staaten oder Unternehmen kann eine komplexe menschliche Gesellschaft nicht funktionieren. Wir können nicht Fußball spielen, wenn nicht jeder an die gleichen erfundenen Regeln glaubt, und wir können Märkte und Gerichte nicht nutzen ohne ähnliche Fantasiegeschichten. Aber die Geschichten sind nur die Instrumente. Sie sollten nicht zu unseren Zielen oder zu unseren Maßstäben werden. Wenn wir vergessen, dass sie bloße Fiktion sind, verlieren wir den Bezug zur Realität. (…) Wir haben sie erfunden, damit sie uns dienen; warum sollten wir unser Leben opfern, um ihnen zu Diensten zu sein? (S. 243-244)

Harari mahnt damit zu jener gesellschaftlichen Veränderung, die mittels Biotechnologie und Computeralgorithmen unser Dasein kontrollieren und beeinflussen wird, sodass von essenzieller Bedeutung sein wird, zwischen virtueller Welt, also Fiktion, und der Wirklichkeit, Harari ergänzt, „zwischen Wissenschaft und Religion“ unterscheiden zu können.

In der Echokammer von social media herrschen Glaubensprinzipien, wir brauchen auch diese, keine Frage. Harari folgend sind sie Instrumente, nicht Ziele, nicht Maßstäbe. Es ist an der Zeit, in der Realität intersubjektive Sinngeflechte zu knüpfen, die uns alle weiterbringen. Ich priorisiere vier Aufgabenfelder: den Klimawandel, die Migration (welche wir als Thema so leichtfertig der ideologischen Seite rechts von der Mitte überlassen haben), das Gesundheitswesen und Bildung vom Kindergarten bis zum Hochschulabschluss.

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