Literatur

Stille

Irgendwer erinnert immer daran. Der Advent sei die stillste Zeit im Jahr. Seine Wirklichkeit hält mit dieser Ansage nicht Schritt. Es sei denn, eine Idee findet zu einer Dramaturgie und diese entfaltet ihre Wirkung.

„Steyrs stillste Nacht“, Stadtplatz Steyr (Oberösterreich), 8. Dezember 2018

Beim Jubiläumskonzert „Steyrs stillste Nacht“ wurde es am Samstag, 8. Dezember 2018, am Stadtplatz der Stadt Steyr (Oberösterreich) still. Vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang, und darin der Partitur des amerikanischen Komponisten John Cage (1912-1992) folgend, der 1952 inspiriert von Robert Rauschenbergs „White Paintings“ in drei Sätzen zur Erzeugung von Stille anleitete: Grundsätzlich bleibt dabei die Wahl der (nicht benutzten) Instrumente genauso frei wie die Anzahl all jener, die die Komposition interpretieren. Ebenso bleibt auch die Dauer frei, obwohl sich das titelgebende Zeitmaß in der Aufführungspraxis etabliert hat.

Zum Jubiläumskonzert versammelten sich hunderte Chorsängerinnen und -sänger vor dem Steyrer Rathaus, von dessen Balkon aus Helmut Schaumberger, der künstlerische Leiter von „Steyr singt“ (einer Plattform für die Vermittlung von Choraktivitäten in der Region in speziellen Inszenierungen), dirigierte. Zuerst das Volkslied „Still, still“ und zum Schluss das nunmehr 200 Jahre alte Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“: Zwischen den beiden Liedern hob der Dirigent die Hand zum Einsatz für ein kollektives Verharren in Stille. Das Abendläuten der Stadtpfarrkirche, des Marienfeiertags wegen besonders lange, verebbte langsam. Da und dort erklang noch ein Hammerschlag der Schmiede, die an diesem Wochenende am Steyrer Stadtplatz ihr Handwerk präsentierten. Der Wind trug aus der Ferne Gespräche von Passanten herzu und fegte sie sofort wieder weg. Verstummen und Innehalten ließen für mich zu, den Raum zu hören und die Kraft der Konzentration einer Menschenmasse zu spüren. Was für Sinneserfahrungen! Vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden sind lang und darin auch herausfordernd. Es tat gut erleben zu dürfen, dass sich Menschen in der heutigen Schnelllebigkeit darauf einlassen wollen und können.

Stille, die nie absolut ist, hat auch Macht. Zugegeben, ich schalte daheim gerne einmal das Radio ein, nur um einen akustischen Bezugspunkt zu schaffen, weil es mir sonst zu still wäre. Andererseits habe ich noch nie verstanden, warum sich Läufer Musik per Stöpsel in die Ohren stecken, oder so der Sport zu zweit oder in der Gruppe gelebt wird, miteinander sprechen müssen. Denn mir persönlich ist Laufen auch ein willkommenes Medium, Stille zu finden, zumindest so viel möglich ist, in der Reduktion meiner Wahrnehmung auf die Geräusche rund um mich, und dabei auch auf das ganz bewusste Hören meines eigenen Atems.

In meiner Bibliothek steht seit Jahren ein schmales Taschenbuch, das – wie passend – mit „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ betitelt ist. Es handelt sich um Satiren von Heinrich Böll. Die mir liebste darin ist die von „Doktor Murkes gesammeltem Schweigen“. In einer bemessen am digitalen Produktionsprozess heute anachronistisch anmutenden Welt erzählt Böll vom Radioredakteur, der sich aus all jenen auf Tonbändern festgehaltenen Momenten des Schweigens sein eigenes großes Sendeband der Stille schneidet bzw. zusammenklebt, um so in der geschwätzigen Gegenwart zu dem zu kommen, wonach er Sehnsucht hat. Vielleicht eine Lese-Empfehlung für Weihnachten? Für Lektüre in aller Stille? Ich wünsche allseits ein frohes Fest!

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