Theater

Schön ist so ein Ringelspiel

Das ist a Hetz und kost´ ned viel

Damit auch der kleine Mann/sich eine Freude leisten kann.

Immer wieder fährt man weg/und draht sich doch am selben Fleck.

Man kann sagen, was man will/schön ist so ein Ringelspiel.

Ich ging aus der Vorstellung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ im Schauspielhaus des Landestheaters Linz (Oberösterreich) und in meinem Kopf drehten sich die Verse des Refrains des bekannten Wiener Volkslieds. Schon gut, Wien ist nicht München und das Volksstück erblickte schon zwanzig Jahre vor dem Lied (1952) sein Licht der Bühnenwelt. Doch in der Inszenierung von Susanne Lietzow spannt sich da ein Bogen aus Horváths Diagnose wachsender Arbeitslosigkeit, dem Karussell, das sich als Drehbühne im Schauspielhaus dreht, unter einem Bühnenbildkarusselldach (Konzept: Aurel Lenfert), das auch einmal wie ein kreiselndes Raumschiff über den Figuren bedrohlich wird, mit bunter Beleuchtung, die wunderbare Effekte spielt, zur vermeintlichen Seligkeit der Wiederaufbauzeit. Und weiter. In seiner Parabelwirkung liegt die Kraft dieses Volksstücks.

„Man muss das trennen, die allgemeine Krise und das Private“, räsoniert Karoline einmal, doch das Schaustellergeschäft kennt diese Trennung nicht wirklich, es verschiebt, richtiger: ver-dreht den freigesetzten Chauffeur Kasimir von ihr nur in den Hintergrund (der Drehbühne), bringt wie in einem Wetterhäuschen nach Veränderung klimatischer Bedingungen andere in den Vordergrund, den Schürzinger etwa oder auch den kantigen Merkl Franz, in dem Aggressionen schlummern, die er nach Lust und Laune an seiner schwangeren Erna ablässt. Rauch (Klaus Müller-Beck) und Speer (Sebastian Hufschmidt), der Kommerzienrat und der Landesgerichtsdirektor, erscheinen in der Linzer Inszenierung mit Couleurband und Mützen als schlimme Wiedergängertypen, die um die zarte Karoline mit ihren Geldscheinen feilschen, sie mit Achterbahnfahrten und Samos für sich kaufen wollen und die sich beide zum hormonellen Höhepunkt ihres Werbens in einer Wrestling-Szene wechselseitig fachgerecht in den Schlamm legen. Lietzow hat das Personal in „Kasimir und Karoline“ drastisch verkleinert, sie schickt mit einem „Trinker“ (Klaus Huhle) und einer „Wirtin“ (aus dem Sängerensemble Gotho Griesmeier) zwei Figuren in die Szenen, die das Oktoberfestkolorit (auch gesanglich) hochhalten. Theresa Palfi spielt Karoline in einer betörenden Spannung zwischen Naivität und Schmerz, Alexander Julian Meile hält den Kasimir stoisch. Die Wörter, die Sätze, diese Miniaturpoesien, in denen Horváth mit jedem Laut, mit jeder Silbe Bedeutung in den Raum zeichnet und bei denen die Schauspieler den Mut besitzen müssen, sie hinzustellen und die Pause nach einem Punkt zu leben bis an die Grenze einer unerträglich werdenden Stille, weil sich das Gesagte gerade so schmerzlich ins Gehör des Publikums gegraben hat: Das vermögen die beiden ganz exzellent.

In diesen Dialogton schalten sich Schürzinger (Christian Taubenheim), der Merkl Franz (Jan Nikolaus Cerha) und die ihre Demütigungen erleidende Erna (ganz stark: Corinna Mühle) als jene Figuren zu, die an dem Automatismus, dass die Liebe nachlässt, wenn ein Mann arbeitslos wird, und zwar automatisch, als Glaubensbekenntnis festhalten. Jede und jeder der drei entwickelt daraus die eigene Lebensphilosophie. „Du Erna“, fragt Kasimir zum Schluss. Erna: „Was?“ Kasimir: „Nichts.“

Die Verlierer sind bestimmt, und so wie es uns Susanne Lietzow mit ihrem Ensemble zeigt, sind es in Systemen, die konsequent auf Kapitalismus und Ausgrenzung setzen, immer ausnahmslos alle. Ein solches Leben besteht eben aus leistbaren kleinen Freuden. Ohne Systemwechsel aber sind diese immer nur Fluchtmomente auf kurze Zeit, mit Rückkehrgarantie an denselben Fleck. Schön ist so ein Ringelspiel?

Foto: Theresa Palfi (Karoline) und Alexander Julian Meile (Kasimir) – Horváth am Landestheater Linz (Oberösterreich) – Copyright: Norbert Artner/Landestheater Linz

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