Sprache

Flucht aus der Dekadenz

Kaum eine andere Posse von Johann Nestroy hängt in ihrer Aufführungspraxis so von einem schauspielerisch versierten Hauptdarsteller ab wie „Der Zerrissene“. Herr von Lips, seines Reichtums überdrüssig, den aufgesetzten Gefälligkeiten falscher Freunde ausgeliefert und in tiefer Glaubenskrise mit der Langweile, „der enorm horriblen Göttin, die gerade die Reichen zu ihrem Priestertum verdammt“, erlebt am Verdachtsfall, zum Mörder geworden zu sein, seine Wandlung.

Jan Nikolaus Cerha macht aus dieser großen Nestroyrolle in Markus Völlenklees Inszenierung für das Landestheater Linz (Oberösterreich) eine dynamische und kecke Wandlung eines Saulus zum Paulus. Vor der Glitzerwelt seines Anwesens, in der die Gäste illuminiert herumstaksen, schützt er die Augen mit einer Sonnenbrille und zu seinem Auftrittslied tritt er wie Falco ans Mikrofon, er könnte auch „Der Dekadenz haben wir an Preis verliehen/Dabei san wir moralisch überblieben/im Stehen, im Fallen und im Liegen“ („Wiener Blut“) singen. Tut er nicht. Ihm bleibt das „fürchterliche Gefühl, wenn man selber nicht weiß, was man will.“ Nebojša Krulanović bringt für die Musiknummern drei Musiker, Tuba, Trompete und Akkordeon, auf die Bühne. Das musikalische Arrangement akzentuiert den Rhythmus, das Brass-Element schiebt es in Richtung Čoček, Kusturica grüßt aus weiter Ferne.

Jan Nikolaus Cerha als Herr von Lips in „Der Zerrissene“ am Landestheater Linz – Foto: Herwig Prammer/Landestheater Linz

Köstlich steigert sich die Prügelei zwischen Lips und Gluthammer (Julian Sigl) zu einem vermeintlich finalen Abgang beider wegen eines nur lose befestigten Geländers. Die Fluten kühlen die hitzigen Gemüter der beiden. Cerha gibt den zur „schleunigen Flucht“ gezwungenen Lips danach als liebenswerten Träger eines grauen Trainingsanzugs, die Brust quert ein doppeltes rotes Band, seine Kappe hat Ohrschützer. Da steckt auch viel Österreich im Kostümentwurf von Angelika Rieck. Die Knechtrolle Steffl schiebt er sprachlich ins Tiroler Idiom. Meisterlich in den Nuancen, die eine große Nestroyfigur wie Lips im Artikulieren braucht, erspielt sich der 31-jährige aus Wien gebürtige Schauspieler, der seit der vorangegangenen Saison dem Ensemble am Landestheater Linz angehört, mit seiner Interpretation ganz wunderbar einen Platz in einer Lips-Ahnenreihe (unerreichbar dabei: Helmuth Lohner), auf die man in Österreich mit Stolz schaut. Jung und frisch interpretiert er diese Figur, mit Christina Polzer hat er eine quirlige Kathi zur Seite, die sich vor allem in der Szene, wenn das dubiose Freundestrio Stifler, Sporner und Wixer ihr Avancen macht, so emanzipiert, dass der Inszenierung zu zeigen gelingt, wie hier zwei aus ihren sozialen Fangnetzen ausreißen, um den Erwartungen anderer zu entkommen.

Rundherum schärft ein Ensemble in seinem Spiel diese Entwicklung, auch durch sein durchdringendes Erscheinen und Abgehen, und das wörtlich im Bühnenbild von Momme Röhrbein, wenn sowohl im Getreidespeicher als auch in der Stube von Krautkopf die Rückwand durch Plastiklamellen gebildet wird, die Auftritte und Abgänge in Sekundenschnelle zulassen. Herrliche spielerische Details: Gunda Schanderers Madame Schleyer spitzt die Eskalation für den Fenstersturz im ersten Akt zu, Horst Heiss als Krautkopf verzweifelt an der überbetonten Freunderlwirtschaft Gluthammers und Eva-Maria Aichner zeichnet eine Karikatur des Justiziarius (nomen est omen!) Staubmann.

Solche Nestroy-Interpretationen sind gesucht, bitte mehr davon!

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