Literatur

Urlaub (wie) zu Hause

Wenn es eine Konstante gibt, die uns in unserem Dasein das Herz höher hüpfen lässt, dann wohl jene Zeit, die wir als Urlaub ersehnen und genießen. Nichtsdestotrotz stellt uns das Wort  nicht immer friedfertige Entscheidungen ins Haus. Ja, es ist schwieriger geworden, mit sich und seinem unmittelbar angehörigen Anhang Konsens zu finden, wohin die Reise gehen mag.

Familie Buchberger beispielsweise, Vater Franz ist erfolgreicher Geschäftsmann mit aufsteigender Karriere, seine 40 Wochenstunden Arbeit hat er schon locker zum Mittwoch geleistet. Deswegen schenkt er sich in Wochenhälfte zwei aber keine Auszeit. Urlaubsentscheidung und -planung schiebt er liebend gern auf seine Angetraute. Sie, Teresa, hat beim Damenabend vergangenen Donnerstag bei Luigi, dem neuen nudelvariantenreichen italienischen Restaurant in der Stadt, in der Grundsatzdebatte zum Thema „Wohin’s denn in diesem Sommer gehen soll?“ erst beim zweiten Viertel Valpolicella vollmundig mit in den Diskussionschor der Freundinnen eingestimmt: Griechenland ist out, Spanien sowieso, Mallorca, das ist doch nur Saufen und Vögeln, und am Festland: sollen wir den Machos auch noch sauer verdientes Geld bringen? Die kanarischen Inseln, das wäre noch ein spanischer Kompromiss, aber da zeigt die Mischung von Atlantik, Golfstrom und nicht-zustandegekommenem Azorenhoch schon, dass Hurricanes auch in Europa ante portas sind. Da könnte man ja gleich Florida buchen. Italien ist im Mittelmeerraum nur was für jene, die immer Italien fahren, und das wohl seit ihrer Kindheit. Jesolo & Co wäre doch nur ein Zeichen, man könne sich nichts anderes leisten. Türkei geht aus political correctness nicht:  Manche der Göttergatten in einflussreicher Funktion des mittleren Managements projizierten mit diesem Urlaubsziel eine Haltung in die Firmenphilosophie, die pro EU-Beitritt der Türkei gelesen werden könnte. Das gibt dem dienstgebenden Unternehmen Schlagseite. Dabei muss ja noch offen bleiben, wie sich die Wirtschaft verhält. Die Politik, selbst ja nicht mehr entscheidungsfähig, wartet hier auf deutliche Zurufe aus den heimischen Führungsetagen; die Politik soll noch warten. Malta? Besteht nur aus kargem Boden und Sand und gilt als first address geführter Pensionistenreisen, die dort mit Armeen von Charterflugzeugen wie die Heuschrecken einfallen. „Malta ist zwar grufty“, so Freundin Brigitte über die Einschätzung dieser Urlaubsdestination ihres Sohnes, „dennoch kann er Malta was abgewinnen.“ Gegen Malta bewies sich Österreich vor Jahren doch als Fußballgroßmacht, „neun Eier landeten im maltesischen Netz, sagt mein Sohn“, sagt Brigitte. „Kroatien ist was für nudistische Camper“, wirft Sarah in die Runde und rümpft dazu ihre sommersprossenumwölkte Stupsnase; „Slowenien hat kaum Meerzugang“, ergänzt sie, „und den, den sie haben, der ist von der Schifffahrt nach und von Triest vollkommen verdreckt. Und südlicher: die sollen mal ihre politische Vergangenheit in den Griff kriegen“, habe Hans, ihr Liebster gesagt. Da fällt die ganze Adria ins Wasser. Cote d`Azur, Monte Carlo ist was für Schnösel. Europa, das ist doch überhaupt schon langweilig.

In Runde zwei war Teresas Zunge rotweinlocker. Südostasien, nein danke; der Tsunami, wer weiß, wann da wieder was kommt; noch weiter nach Asien, aber was: Vogelgrippe! Australien: Nur dann, wenn man sich Haien, Quallen oder Krokodilen als Leckerbissen empfehlen will; und so eine Trekkingsache quer durch Down under, das ist ja anstrengend, das hat nix mit Urlaub zu tun. Afrika ist arm, das will ich im Urlaub nicht sehen. Südamerika ist im Würgegriff von Drogenbanden und außerdem haben dort immer noch ehemalige Nationalsozialisten politisches Asyl. Amerika fällt zur Gänze aus, wenn man ein bisschen aufrechten Geistes etwas an Wertmaßstäben hält. Oder will irgendeine von euch George W. Bush Geld ins Land bringen? Nein, also. Aus gleichen Gründen ist auch Kärnten tabu. Spätnachts erreichte die Debatte um ein gutes Urlaubsziel im Zeichen von Umweltschutz, Globalisierung, Weltgesundheit und -wirtschaft weinilluminiert die Ebene der Lächerlichkeit: Pinguine kitzeln, Island-Hopping quer durch Ozeanien, verspäteter Frühlingsputz auf Ölplattformen der Nordsee, Besichtigungstour durch ehemalige sibirische Arbeitslager mit abschließendem Cocktailempfang bei Wladimir Putin.

Weißensee in Kärnten: ein sehr schönes Plätzchen in Österreich

Teresas Kater am Tag nach dem Damenkränzchen war doppelt schlimm. Für den einen war der Valpolicella verantwortlich, für den anderen der bedenkliche Umstand, dass sie, in ihrer Familie für Urlaubsplanung und -buchung zuständig, mit jeder Wahl auf dem glatten Parkett gesellschaftlicher Anerkennung ohnedies nur ausrutschen kann. Sohn Tobias, gerade zwölf, träumte sich irgendetwas vom Zelten zusammen und Tochter Anna hat für Urlaub jüngst ohne dies nur eine Definition über, und zwar eine in drei sehr deutlichen Worten: „Urlaub ist Scheiße!“ Diese Klassifikation hatte ihre Ursache. Anna hat sich bedingt durch leichtfertige Erpressung zu einem letzten gemeinschaftlichen Familienurlaub verpflichtet. Anna ist mit ihren sweet sixteen der angehenden midlife-crisis von Vater Franz zum Opfer gefallen. Von ihr befragt, was er sich denn zum 44. Geburtstag wünsche, hat der Vater nach minutenlanger Bedenkzeit geantwortet: „Einen letzten gemeinsamen großen Familienurlaub!“ Franz hatte es nun gut, saß im Büro und entwickelte Strategien für fünf Jahre Unternehmensentwicklung, die er wie immer im Mai dem Vorstand zur Genehmigung vorzulegen hat. Wenige Wochen trennten ihn noch davon. Teresa hatte zwar einige mehr bis zum Urlaub. Aber Zeit heilt in solchen Fällen keine Wunden.

Das Glück erschien in Form einer kleinen Annonce in einer Postwurfzeitung. Nicht dass Teresa sich deren Lektüre zur lieben Gewohnheit und zur statusbestimmenden Eigenschaft erhoben hätte: viel mehr klatschte der Kaffeesatz aus dem gestürzten Goldfilter des familieneigenen Kaffeemaschinengoldstücks, noch warm und etwas zu feucht, so gezielt in das aufgeschlagene, vorbereitete Zeitungsblatt, dass ein kleines Rinnsal sofort eine Spur zog. Teresas Aufmerksamkeit war eigentlich dem flüchtenden Kaffeetropfen gewidmet, der sich selbstlos über das Zeitungspapier hinaus und weiter Richtung Kante der Arbeitsplatte ihrer Küche bewegte. Da aber blieb ihr Blick an einer kleinen Einschaltung hängen:

Der Sommer kommt, Ihr Urlaub auch? Sie wissen nicht wohin. Wir haben das ultimative Arrangement für Sie parat, bis ins Detail auf die persönlichen Bedürfnisse Ihrer Familie angepasst. Rufen Sie uns an …

Der Kaffeetropfen beendete zerplatzend seinen Sturzflug am Küchenboden. Die angeführte Telefonnummer begann nicht einmal mit Zahlenkombinationen, die der Telefonrechnung stattlichen Vorschub in ihrer nächsten Höhe geben könnten.

Teresa rief an. Das Angebot war perfekt. Sie buchte noch am selben Tag. Zwei Tage später hatte sie die Unterlagen zu Hause, sie unterschrieb den Buchungsvertrag, den sie in all seinen Geschäftsbedingungen genau studiert hatte. Mit e-banking war die Anzahlung ein leichtes.

Die Buchbergers freuten sich auf ihre Reise. Am Tag vor Reiseantritt sammelten die offenen Koffer alles ein, was man für vierzehn Tage Freizeit braucht. Vater Franz kam wie immer zu Urlaubsbeginn zu spät, dafür kreidebleich im Gesicht und vollkommen ausgelaugt von der Arbeit nach Hause. Verspannt und überarbeitet wird er wie immer drei bis vier Tage brauchen, um sein Berufsleben wirklich hinter sich zu lassen. Teresa hatte ihm den Koffer so weit gepackt, natürlich warf er noch drei Aktenmappen oben darauf, unnötige Reisebegleiter. Ab Tag vier versteckte er sie im Koffer zuunterst und schalt sich selbst einen gewaltigen Idioten, der die Bude nur scheinbar nicht vergessen könnte, jetzt aber könnten ihn alle …

Das all-inclusive-Service, das das Angebot insbesondere auszeichnete, verhieß null Aufwand für die Reisenden. Die Abholung erfolgte direkt von der Wohnung, der Mercedes-Van war komfortabel, Fahrer und Beifahrer trugen das Gepäck, sie übernahmen dankend von Teresa ihren Wohnungsschlüssel. Die Fahrt zum Flughafen dauerte gut vierzig Minuten; der Beifahrer empfahl sich, der Fahrer übernahm das Einchecken, schickte dazu die Buchbergers auf Kaffee und Snacks ins Flughafenrestaurant, wohin er die boarding passes nachbrachte, bevor er sich mit den Wünschen „Guten Flug!“ und „Schönen Aufenthalt!“ empfahl. Die Buchbergers atmeten durch, Franz ging im Kopf noch einmal durch, was er seinem Vorgesetzten zur Weiterbearbeitung hinterlassen hatte. Tobias fand allein schon cool, dass er in den Urlaub fliegt, damit punktet man gegenüber Freunden sowieso. Anna hatte für sich den Countdown des letzten gemeinschaftlichen Familienurlaubs bereits gestartet. Und Teresas Freude erstreckte sich sogar bis zum nächsten Damenabend, an dem sie mit etwas Außergewöhnlichem und durch und durch Tadellosem als Urlaubsbericht aufwarten können wird.

Mit dem ersten Aufruf nehmen die Buchbergers die Passkontrolle auf sich, die Minuten am Gate vergehen rasch, die Dame vom Bodenpersonal reißt Abschnitte von den boarding passes. Sie lächelt gütig. Mit wenigen Schritten sind die Buchbergers an der wartenden Maschine, sie nehmen ihre Plätze ein. Stewardessen kümmern sich um Handgepäck, Sicherheitsbestimmungen, Lesestoff und Tüchlein, mit denen man sich Hände, Stirn und Nacken frisch machen kann.

Dann beginnt die Simulation.

Das Flugzeug rollt scheinbar auf die Startbahn, die Monitore in den Fenstern geben eine vorbeiziehende Umwelt vor. Die computeranimierte Beschleunigung des schweren Vogels beinhaltet nicht nur den visuellen Eindruck, auch das Rütteln über die Stoßkanten der Betonplatten des Rollfelds, die Veränderung des Drucks des eigenen Körpers auf den Sitz, all das kommt in einer Perfektion, wie sie nur ausgereifte Computertechnologie leisten kann. Zwei Stunden dauert das Programm. Es endet, wie es begonnen hat. Die Landung erfolgt seidenweich, und weil es ein Urlaubscharterflug ist, wird auch reichlich die Software beklatscht, die die Landung vorgespielt hat. Das Flugzeug rollt aus, nimmt seinen Parkplatz ein; das freundliche Bordpersonal wünscht einen schönen Urlaub. Die Buchbergers klettern die Gangway hinab, sie sind zu Hause angekommen, atmen tief die heimische Luft ihrer Urlaubsdestination ein und schreiten zur Ankunftshalle. Diese hat den Eingang knapp fünfzehn Meter neben jenem Gate, durch das sie vor zwei Stunden gegangen sind, um in den Simulator zu klettern. Am Laufband ziehen ihre Gepäckstücke bereits ihre Kreise, sie passieren den Zoll. In der Ankunftshalle steht der Beifahrer des Mercedes-Van. Er hält ein weißes, glatt ausgeführtes Schild hoch, auf das mit wasserlöslicher schwarzer Farbe in Blockbuchstaben „Buchberger“ gemalt ist. Die Buchbergers freuen sich, rasch ist ein Koffer-Guli zur Hand, die paar Meter bis zum Transferwagen, dem uns schon bekannten Mercedes-Van, hätten eigentlich nicht der Fahrhilfe fürs Gepäck bedurft. Fahrer und Beifahrer verladen mit geübten Griffen die Koffer. Während der kommenden vierzig Minuten gibt der Beifahrer mittels Mikrofon seinen Gästen eine kurze Einführung in die Kultur des Landes und der Leute, das bzw. die die Buchbergers verlassen und zugleich angereist haben. Die Fahrt führt zu einer Wohnung, die die Buchbergers für ihren vierzehntägigen Aufenthalt gebucht haben. Die Zimmeraufteilung imponiert ihnen besonders, sie sei so stimmig, wie bei ihnen zu Hause, bekräftigen sie sich wiederholt. Es steht Personal bereit, in der Küche, für die Reinigung der Zimmer, das Bettenmachen, für Animation, Sport und Spiel. Franz ist begeistert vom detailgenauen Nachbau der eigenen vier Wände, selbst seine Lieblingsbiermarke findet sich im Kühlschrank eingekühlt. Und auch auf die Inszenierung des etwas chaotischen Arbeitsbereichs hat man nicht vergessen. Tobias ist froh um den Basketball, der in seinem Zimmer liegt. Dass er ihn einzupacken vergessen hat, hat ihn den Flug über enorm gewurmt. Teresa freut sich über zufriedene Gesichter in der Familie. Anna zählt den Countdown nicht mehr in Tagen, sondern in Stunden.

Der Urlaub ist ein Genuss. Es ist schön zu Hause. Die Animateure sind gut, sie haben fantastische Ideen, z.B. gemeinsames Kochen der Familie oder Spaziergänge zu viert. Tobias trifft Freunde, es sind die seinen. Anna telefoniert mit den ihren und ärgert sich, weil das Handy-Guthaben keine drei Tage Kontakt mit der außerfamiliären Welt garantiert. Franz lässt die Akten Akten sein, er liest und pflanzt Blumen auf seinem Balkon, ab und zu trägt er auch den Müll raus. Teresa lächelt vierzehn Tage glücklich in sich hinein.

Wenn es eine Konstante gibt, die uns in unserem Dasein das Herz höher hüpfen lässt, so die, dass die Zeit, die als schönste im Jahr gilt, auch einmal zu Ende geht. Zwei Wochen Urlaub (wie) zu Hause. Am vierzehnten Tag wartet das Duo mit dem Mercedes-Van vor dem Wohnhaus, sie holen die Buchbergers ab, die Fahrt scheint subjektiv viel kürzer zu dauern als vierzig Minuten. Auf den letzten Kilometern dankt der Beifahrer für den Besuch des schönen Landes, hofft auf unvergessliche Erlebnisse und wünscht sich, dass die Buchbergers wiederkommen. Im Flughafen nimmt alles seinen gewohnten Verlauf, Kaffee und Snacks, Passkontrolle, boarding time, lächelndes Bodenpersonal, Schritte übers Flugfeld. Mit tiefen Atemzügen nimmt Familie Buchberger Abschied vom so vertrauten Klima ihres Urlaubsziels, hebt mit dem Flugsimulator für zwei Stunden ab, um angekommen durch den Ankunftsbereich geschleust zu werden, sie holen ihre Koffer, ob sie was zu verzollen haben, fragt der Uniformierte der Ordnung halber.

In der Ankunftshalle gibt es ein riesiges Hallo, Verwandte sind da, Tobias’ bester Freund hat seinen Basketball unter dem Arm: „Da, den hast du vor deinem Urlaub bei mir vergessen“, Anna fällt ihrer besten Freundin in den Arm, mit der sie zwar erst vor drei Stunden telefoniert hat (Vater Franz hat ihr zur Linderung ihrer Entzugserscheinungen sein Handy geborgt), Anna ist erleichtert, nie wieder Urlaub mit der Familie. Franz trifft auf seinen Vorgesetzten, der ihm gratuliert, wie entspannt und erholt er aussieht. Teresas Damenkränzchen ist mit halber Belegschaft vertreten, die Begrüßungsworte schwanken zwischen Neugier und Eifersucht. „Und wie war’s?“, fragt Sarah. „Fantastisch! So was habt ihr noch nie erlebt!“, flötet Teresa, „es war Urlaub wie zu Hause.“

Aus der Gruppe von Menschen, die vom Reiseveranstalter zum Willkommensritual organisiert worden ist, löst sich der Beifahrer des Transfer-Busses; er tritt zu Teresa hin, gibt ihr schweigend die Hand; als Teresa nach vollzogenem Handschütteln ihre Hand wegzieht, glänzt in ihrer Handfläche etwas Metallenes: es ist nichts anderes als ihr eigener Wohnungsschlüssel.

(c) 2006 by Peter Klimitsch: ich mache diese vor zwölf Jahren von mir geschriebene Satire heute hier öffentlich, weil ich gestern den Alptraum jedes Online-Buchenden erleben musste. Meine Online-Buchung von Mitte November kam wegen Software-Problemen nicht im Buchungssystem meines Hotels an, auf der automatisiert für mich kreierten Buchungsbestätigung dankte man mir freilich für die verbindliche Buchung. Derzeit also Urlaub. Und zwar zu Hause.

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