Theater

Ein vollkommen klarer schwarzer Tag

Thomas Bernhards „Elisabeth II.“, sein vorletztes Werk für die Bühne, trägt im Impressum der Buchausgabe meiner Bibliothek die Jahreszahl 1987. Der nicht nur in der Komposition der Suada seiner Hauptfigur schwelgerische Autor gab sich in Niederschrift von Herausforderungen für die Realisierung auf der Bühne selten bescheiden. Claus Peymann stellte sich gerne diesen Prüfungen, textgetreu, und bestand sie. David Bösch, Schauspieldirektor des Landestheaters Linz und Regisseur der Fassung in Kooperation mit den Salzkammergut Festwochen (die Premiere fand am 3. Juli 2026 statt), schafft es, die Geschichte für uns als Spiel in einer auf vier Figuren gekürzte Fassung einzurichten, inspiriert vom „Film noir“; Theater „noir“, wenn man so will, mehrdeutig schwarzes Theater (nur nicht im Sinn von „schwarzem Theater“, in dem UV-Licht fluoreszierende Elemente leuchten lässt).

Patrick Bannwart, Meister der leeren Raumschachteln mit wenig Akzenten für Böschs Inszenierungen, stellt in diese Wiener Wohnung des alten und kranken Industriellen Herrenstein links eine Anrichte, das kleine Biotop des Dieners Richard. Eine Tür führt hinten in die „weitere“ Wohnung, durch zwei Torflügel geht es rechts auf den Balkon: Alles nur schmucklos schwarze Platten. Über allem: ein üppiger schwerer Luster. Bianca Sarah Stummer sieht die Figuren, Guggenheim im Trenchcoat ausgenommen, in der Kleidung nur Schwarz-Weiß (die Hemden der Herren, das Blusenkorsett des Fräulein Zallinger). Nur Zallingers Frisur und der Union Jack bringen Farben ein, als große Fahne; als kleine am Stäbchen schwenkt sie Doktor Guggenheim, für ihn ein wichtiges Accessoire. Herrensteins Übergriff darauf erhebt sich zu einer historischen Vernichtungsgeste. So klein dieses Zeichen auf der Bühne ist, inhaltlich entwickelt es eine immense Stärke.

Die Geschichte ist die, dass in der Wohnung Herrensteins dessen Neffe erwartet wird. Die Wohnung, an der Wiener Ringstraße liegend, bietet über den Balkon die Möglichkeit, der erstmals in Wien weilenden, vorbeifahrenden Königin Elisabeth II. zu huldigen. In Erwartung des Ereignisses zu Mittag eines vollkommen klaren Tags, den der alte Herr in seinem Rollstuhl nur noch trüb wahrnimmt, wächst die angesagte Gesellschaft an Köpfen in Zehnerschritten. Das Ende, legendär, bernhardesk müsste man es bezeichnen, verschiebt durch einen kleinen, wiederum starken szenischen Spielzug die Zuweisung, wer und was heute krüppelhaft in unserer Gesellschaft geworden ist. Wenn Theater hier mit minimalem Mittel großartig wirkt, müssen wir uns dankbar tief verbeugen, für die Ideen, vor dem, der sie umsetzt, und jenen, die da mit ihm verschworen mitgegangen sind.

Zum Kooperationsgeist von Salzkammergut Festwochen und Landestheater Linz gehört, dass die in Gmunden scheidende, weil zu den Salzburger Festspielen gewechselte künstlerische Leiterin Karin Bergmann einen wahrlich Großen der Schauspielkunst zu überzeugen wusste, sich hier der Aufgabe zu stellen, knapp zwei Stunden lang Herrensteins Gefühlslage in einem (fast) Monolog durchzudiskutieren: Sven-Eric Bechtolf beglückt uns hier mit der Entwicklung des Texts wie ein Konzert (die Forschung zu Thomas Bernhard lieferte Laufmeter kundiger Analysen zur Musikalität seiner Sprache). Ich vernahm Bechtolfs Sprechen zu Beginn als zu leise und würdigte es kurz später als das aus dem Leisen entwickelte Aufnehmen einer Melodie für diese Sprechsonate des hasserfüllten, unglücklich liebenden und sterbenden Industriellen.

Die Hauptfigur mit Dominanz an Text braucht bei Bernhard Dienende im Zuhören, nahezu stumm Mitspielende, die die Spannung erhalten, wenige Zwischenbemerkungen sind ihnen gestattet. Richard (Christian Higer) als Diener und die Haushälterin Fräulein Zallinger (Gunda Schanderer) zeigen sich hier nicht nur dem Despoten ausgeliefert. Das Psycho-Spiel um Macht und Gewalt gegen die beiden macht sie zu einem Paar, wie aus einem düsteren Film, etwa von Hitchcock. Eigentlich sind sie bereit, Herrenstein zu töten, und zwar sofort. Er bringt sie wieder und wieder an den Kippmoment, seine Mörderin oder sein Mörder zu werden; überschritten wird dieser freilich nie. Lutz Zeidler spielte in den drei Vorstellungen in Gmunden den kleinen, dramaturgisch aber sehr wesentlichen Part des Doktor Guggenheim (Christian Taubenheim übernimmt diesen nun in den Linzer Vorstellungen.)

Für ein „Theater noir“ spricht auch die Lösung, die sich sammelnde Gesellschaft auf dem Balkon für den Gruß an die englische Königin als Schattenfiguren des Tageslichts „draußen“ in den Raum zu bringen, eine grandiose Idee!

Es gibt sie also noch, Menschen, die sich um eine gepflegte Rezeption des Bühnenwerks von Thomas Bernhard annehmen. Es gibt sie auch noch, jene, die mit großer Freude Thomas Bernhard auf der Bühne erleben wollen: Bechtolfs wirklich großartige Interpretation des Herrenstein in knapp zwei Sternstunden müssen diese gehört und gesehen haben! Ab 11. Oktober 2026 bietet das Landestheater Linz dafür Gelegenheiten.

Foto von Rudi Gigler: Gunda Schanderer (Fräulein Zallinger), Sven-Eric Bechtolf (Herrenstein) – mit freundlicher Genehmigung der Salzkammergut Festwochen

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