Satire

Authentifizieren Sie sich!

Neuerdings fürchten wir uns ja vor der künstlichen Intelligenz, die als Software kein anderes Vorhaben mehr verfolge, als die Menschheit auszulöschen. Ein ehemaliger Nerd, vormals auf der Gehaltsliste eines großen Entwicklers, raunte so etwas in Kamera und Mikrofon. Auch so bringt man es weltweit zu „15 minutes of fame“: Die Tech-Giants inszenieren ihren Krieg der Worte um Marktvormacht als neue Pop-Kultur.

Vor der KI, also vor Software, die wir so seltsam personifizieren und dämonisieren, müssen wir uns darum schützen. Wir müssen ihre Entwicklung verlangsamen, Regierungen sollen regulieren. Denn „Systeme“ werden von ihr angegriffen, gehackt, und wenn nicht gleich das, dann zumindest unter „Stress“ gesetzt. IT-Netze sind nämlich sensibel, wir interpretieren sie als empfindlich, empfindsam, emotional belastbar und belastet. Sie haben „Seele“, sind „Seelchen“ (wie auch Banken übrigens, die sich immer wieder mal Szenarien eines „Stresstests“ zu stellen haben).

Gegen dieses Angriffsszenario aus den tiefen Weiten oder weiten Tiefen des Internets, nebst jenem von Menschen, die es in kriminellen Absichten nutzen, ist seit geraumer Zeit eine ganz spezielle Handlungssystematik gewachsen. An einem simplen Arbeitstag muss ich mehrfach und (laut Hochrechnung meiner Kollegin Administratorin, zugleich eine wunderbare Mathematiklehrerin) in Summe dreißig Minuten zum Zweitgerät greifen, an dem ich mich beruflich über Selbstidentifikation den Programmen, die ich zu bedienen habe, nachweislich zu erkennen gebe. Zwei-Faktor-Authentifizierung heißt dieser Vorgang. Wie lange noch kann mit dem Faktor zwei (unabhängige Erkennungsdienste zum User) ein Auslangen gefunden werden? Schon löst der Begriff Multi-Faktor-Authentifizierung den Vorgänger ja ab. Schauen wir also voraus in eine nahe Zukunft!

Benutzer und Passwort bilden freilich weiterhin die höchst unsichere Ausgangsbasis des Einstiegs in die Softwarewelt des Arbeitslebens, ID per Fingerprint oder Gesichtserkennung auf einem zweiten Gerät (meistens das mobile, das unser gesamtes Leben observiert) ist und bleibt Routine.

Morgen schon ist zusätzlich vor dem Kameraauge jenes Endgeräts, mit dem man sich den versperrten Tresor von Software öffnet, eine zehn Sekunden dauernde Miniaturchoreographie zu tanzen. Die „moves“ müssen zumindest einmal eine 360-Grad-Wendung beinhalten, in der die bei erstmaliger Durchführung vermessene Schulterbreite sowie der Brustumfang nachgerechnet werden können. Trainieren Sie weder Schultern noch Brust auf! Sie laufen Gefahr, vor verschlossener IT-Tür zu verbleiben. Außerdem müssen Sie innerhalb der Tanzsequenz zumindest einmal mit der Iris Ihres linken Auges eine Sekunde lang exakt zwei Zentimeter vor die eingebaute Kamera.

Bald auch wird das nicht mehr genug sein: Einmal pro Woche entnehmen Sie sich darum in Ergänzung an einer Vene einen Tropfen Blut, lassen diesen im von einem der großen amerikanischen IT-Produzenten um ein paar hundert Euro zu erwerbenden Minilabor analysieren. Dieses ist an ihr Endgerät angeschlossen, es speist dort die Ergebnisauswertung direkt ein, sodass Sie sich nun Tag für Tag mit nur einem frischen Blutstropfen authentifizieren. Die kleine Nadel für den Stich in die Fingerkuppe ist alsbald seriell in jede Tastatur eines Endgeräts eingebaut. Die Parameter von beispielsweise Leukozyten oder Cholesterinwert werden mit den gespeicherten Laborergebnissen abgeglichen. Die Schwankungsbreite in der Übereinstimmung bleibt aus Sicherheitsgründen sehr gering, es empfiehlt sich darum eine stabil gesunde Lebens- und Ernährungsweise. Andernfalls bleibt Ihnen Ihre Erwerbsarbeitswelt am Personal Computer verschlossen (endlich ist „personal“ sehr klar definiert, denn Blut ist der besondere Saft, der Ihnen Ihren Computer, Ihre Programme, Ihren Internetzugang ermöglicht). Genannt wird dieser Vorgang die Mephi-Methode. Literarisch beflissene IT-User erkennen die den Begriff spendende Quelle sofort, ohne dass sie da vielleicht ihre Hand aus Wut gegen diese Authentifizierung zur (oder zum) „Faust“ ballen.

Selbst das wird eines Tages nicht mehr genügen, dann muss man an die liebe Generation vor einem. Eine neue Applikation, in Hard- wie Software, wird die Kassen der Tech-Giants klingeln lassen, DNA-Abgleich, notariell beglaubigte, in Datenbanken der Welt eingespeiste Stammbäume (Datengold natürlich für die, die sie verwalten) arbeiten über das Abstammungsprinzip an einem neuen Evolutionsmodell, wer noch Zugang zu Bildschirmwelten und Internet haben darf. Prinzip: „survival of the IT-test“!

Foto: Pexels/Free Photo Library

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