Es ist Juni, langsam wird es Zeit für die Pflichterfüllung als Steuerzahlerin oder Steuerzahler. Meine Herzallerliebste hat in mir ihren privaten Steuerberater, der sich durch ihre Belege-Sammlung des vorangegangenen Kalender-, zugleich Geschäftsjahrs arbeitet. Das von ihr Sortierte sichte ich, prüfe ich, addiere ich. Die Voraufbereitung für die Eingabe ins Online-Formular braucht ein bis zwei Abende. An einem dritten sitzen wir dann gemeinsam eine knappe Stunde vorm virtuellen Finanzamt und erfassen alles. Dann prüfen wir es noch einmal. Mit einem Klick nur ist es dann eingereicht.
Weil wir zu den Skeptikern allen Segens von IT-Anwendungen gehören, schließen wir diese Arbeitsschritte Jahr für Jahr damit ab nachzusehen, ob die Erklärung auch dort aufscheint, wo sie aufscheinen soll. In gut österreichischem Umgangssprachendeutsch also: „eingereicht ist“.
Dies abzurufen ist leicht. Rechts oben gibt es ein „Admin“ anzuklicken, in der Aufklappliste darunter die Zeile „eingebrachte Anbringen“. Uns zwei sprachsensiblen Menschen zaubert die Klickaktivierung dieser beiden Worte stets ein Gefühl in die Mägen, gleich dem nach take-off eines Flugzeugs, wenn der Startschub in den des Steigflugs wechselt. Es hebt den Magen kurz, ein Tupfer von Übelkeit, rationale Bearbeitung löst die wieder auf. „Eingebrachte Anbringen“: Wie kommt man nur zu dieser Formulierung?
Heuer ging ich tags darauf im Unterricht ins Experiment mit siebzehn jungen Frauen der 9. Schulstufe, denen ich Deutschlehrer regelmäßig mit Übungen zu Sprachgefühl lästigfalle. Mir ist die Anwendung von Grammatik, Semantik, sprachwissenschaftlichem Grundwissen ein Anliegen. Die Theorie dazu ist erlernt, bleibt aber grau, wenn man nicht ins Lebendige von Sprache, auch den dabei entstehenden Kapriolen, einsteigt. Nicht alles, was Sprache entwickelt, erscheint in einer Ästhetik, die die Sprachnorm vertreten kann. Das zu erkennen und zu reflektieren, will ich Jugendlichen in ihr Leben hineintragen (fast hätte ich hier nun verwendet: „einbringen“).
So schrieb ich die beiden Wörter an die Tafel und ließ rätseln. „Schreckliche Nominalisierung“, befand eine Schülerin zum „Anbringen“ als Nomen sogleich. Denn was als Verb taugt, muss nicht als Substantiv (Nomen) ebenso etwas darstellen. Wer spricht schon wirklich von einem „Anbringen“? Das Amtsdeutsch schon. Übrigens war sich die Klasse sehr bald einig, dass diese Adjektiv-Nomen-Kombination nur aus der Sprachwelt Politik und/oder Rechtswesen stammen kann. Zwei andere Schülerinnen meinten, die Groß-/Kleinschreibung sei zu wechseln, im Sinn von „das Eingebrachte anbringen“. Keine schlechte Idee! Und alle stießen sich daran, wie man zwei Wörter hintereinander setzen könne, die das gleiche Verb als Ausgangsmaterial nutzen, nämlich „bringen“.
Das bringt(!) es auf den Punkt. Und so kann man die Präfixe vor „bringen“ nur so durchsausen lassen, über ein-, an- hinaus, ob auf-, aus-, durch-, er-, her- oder hin-, um-, ver-, vor-, weg-. Vieles geht. Am Abend zuvor fantasierten wir beide uns den seligen Ernst Jandl (1925–2000) zu einem Sprachgedicht, in dem er all die möglichen Präfixvarianten mit kräftiger Stimme herausbellend durchnimmt, nicht ohne Jazzstandardbegleitung mit einem Kontrabass.
Wer immer diese Formulierung in finanzonline verantwortet, wir sind uns sicher, nicht aus der bürokratischen Ecke staubig-trockener Bezeichnungspflicht stammt sie. Nein, es ist eine Verbeugung vor der großen, im Lande Österreich seit Wiener Gruppe ganz genuinen experimentellen Lyrik, die Sprache abklopft, auf ihre Ausdrucksfähigkeit. Nur daraus begründet sich, dass die Steuererklärung eingebracht ist (im „erbringen“ fehlt die Bewegung ans Ziel) und als „Anbringen“ virtuell in einer Übersicht hängt. Sie abzugeben, wäre eine „Abgabe“. Dieser Begriff ist im kommunalen Steuerwesen anderem vorbehalten, nämlich einer Zahlung. Als Deutschlehrer käme man dennoch nicht umhin, „eingebrachte Anbringen“ mit einer roten Welle darunter zu markieren und am Korrekturrand „A“ für Ausdrucksfehler zu vermerken.
Foto: „eingebrachte Anbringen“ als prompt im Jetpack Image Creator führte am 13.6.2026 zum heutigen Beitragsbild.
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