Raum & Architektur

Alte und neue goldene Böden

Zwei Wahrnehmungen trafen sich. Zufällig und plötzlich gut zueinander passend. Am vergangenen Donnerstag entdeckte ich in der knappen Freizeit zwischen Dienst und noch einer vorabendlichen beruflichen Verpflichtung einerseits ein von einer anonymen Userin angelegtes Forum auf derstandard.at mit der Frage, was die Community zu ihrem Vorhaben meint, nach Linz (Oberösterreich) zu übersiedeln.

Andererseits kam ich nach viel zu langer Zeit endlich wieder einmal dazu, dem NORDICO Stadtmuseum Linz einen Besuch abzustatten. Die aktuelle Ausstellung „Made in Linz“ gibt der Geschichte von Handel, Industrie, Handwerk mit ihrem Titel einen Ursprungssiegel höchster Güte und stellt Österreichs drittgrößte Stadt somit auf Level der großen „Made in“-Märkte. Klein-Linz hält also an gegen die big player, die mit ihren Waren die Welt fluten. Da weckt die Revue an präsentierten Marken und Produkten, alle hierorts entwickelt, Erinnerungen an Ferialjobzeiten ab der sechsten Klasse Gymnasium bei einer Spedition, wo ich in Unterstützung der Fuhrwerksdisposition auch Zustelltouren von Rohmaterial und Werkzeugen zu eben diesen markanten Produktions- und Handelsstätten der Stadt planen durfte. Natürlich weiß der echte Linzer (ich!), welche Marken von hier aus ihre Welt eroberten, und doch lernte ich im Museum dazu, dass das legendäre „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel (rote Schachtel) heimatlichen Ursprungs ist. Die Ausstellung versammelt nicht nur materielle Zeitzeugen, sondern bringt in Interviewvideos prägende Persönlichkeiten der städtischen Wirtschaftsgeschichte herein und zu Wort, jene also, die in der Diktion der Weisheit, dass Handwerk goldenen Boden hat, nicht nur einen Wohlstand der Stadt begründet hatten. Die Stadt war und ist groß genug für Vielfalt, weiterhin prägt sie der Stahl als Industriestandort; die Stadt war und ist klein genug, sodass sich die, die sie florieren lassen, alle zu kennen scheinen; viele tun es gewiss wirklich,

In Fotografien darf der Flaneur auch durch Bildwelten seiner eigenen Wahrnehmungserinnerung streifen, wird so etwa wieder des Kaufhauses „Ka-de-el“ (Kaufhaus der Linzer) in der Wienerstraße ansichtig und ich freute mich kindlich darüber, dass ein großes Stoffkamel, lange Hüter des Zugangs zu einem Raumausstattungsgeschäft, bei irgendjemandem Aufnahme fand, der wiederum mit dieser Leihgabe das „Made in Linz“-Bild der Ausstellung bereichert hatte.

Die Schau führt bis in die Gegenwart und zum Change in die Dienstleistungsgesellschaft heran, so wie diesen viele urbane Räume vor und rund um die Jahrtausendwende vollzogen haben. Hier zeigt sich Linz heute als starker Standort für Technologieentwicklung und mich beeindruckte dabei die Zahl von 110 Unternehmen dieser Branche in einer knappen Zone zwischen Hafen und Stadtzentrum, das sind also die neuen goldenen Böden!

Im Museum fand ich darum mit meinem Besuch Entlastung dafür, was mich in der Stadt unterwegs zurzeit sehr bekümmert, nämlich der herbeigeführte Niedergang ihres historisch gewachsenen architektonischen Bilds. Vor allem das des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts wird mit Abrissbaggern in absurd kurzer Zeit dem Erdboden gleich gemacht. An seiner Stelle wachsen dann Glas-Beton-Metall-Konstruktionen hoch, die nicht Linz sind oder werden können, weil sie in einem Einheitslook erscheinen, wie er überall errichtet wird.

Womit ich zurückkomme zum Forum und zu den Beratungen für die Frau mit Willen, Linzerin zu werden: Dieser traurige Umgang mit dem Stadtbild wurde ihr in den von mir (unter sehr vielen) eingesehenen Beiträgen berichtet, ebenso die Huldigung des Individualverkehrs in der Stadt. Autos gehört hier zu viel Platz, deswegen fehlt es an Grünflächen und Erholungsräumen. Ein pulsierender Wille zur Kunst wird Linz zugestanden, auch eine sehr spannende Arbeitsplatzszene.

Ob sich die Linzerin in spe dadurch ihr Bild machen konnte? Ich hätte ihr im Forum den Besuch von „Made in Linz“ empfehlen sollen. Bis 4.10.2026 ist der noch möglich. Ein umfassendes Katalogbuch bewahrt die Forschungsergebnisse zur Ausstellung über ihre Laufzeit hinaus.

Foto: Ausstellungsansicht „Made in Linz“, Foto: Norbert Artner, mit freundlicher Genehmigung von NORDICO Stadtmuseum Linz

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