Raum & Architektur

Funktional, sachlich, prägend

Das NORDICO Stadtmuseum Linz beweist einmal mehr, wie ein Stadtmuseum zu einem Fakten- und Meinungsumschlagplatz werden muss. Denn mit der Ausstellung „Gebaut für alle. Curt Kühne und Julius Schulte planen das soziale Linz (1909-38)“, noch zu sehen bis 1. Mai 2022, gestaltet es nicht nur einen Lückenschluss in der Architekturgeschichte der Moderne der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Das Museum positioniert sich mit der Aufarbeitung des Werks des langjährigen Stadtbaudirektors Kühne (er hatte diese Aufgabe von 1915 mit Unterbrechungen während des Nationalsozialismus bis 1948 inne) und seines Baukommissärs (1909 bis 1921) Schulte auch in einer sehr heißen, weiterhin nicht klar gelösten Situation. Es geht um die Wohnanlage Sintstraße, Entwurf von Curt Kühne. Mit dem Neujahrstag 2022 ging sie an einen neuen Besitzer und das Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, Erhalten und Abriss besteht weiterhin. „Die ideologische Maxime in der Ersten Republik lautete: „Die Wohnung ist keine Ware.“ Im Zeitalter des Marktradikalismus zeigt sich das Gegenteil“, schreibt Wilfried Posch zur Causa Sintstraße in die Fußnote 37 seines Beitrags zu Kühnes Wirken als Stadtbaudirektor und Architekt in Linz in der Publikation zur Ausstellung. Posch hatte bis 2008 die Lehrkanzel für Städtebau an der Kunstuniversität Linz inne.

In Linz treten immer wieder sehr rasch Investoren auf den Plan, die in atemberaubender Geschwindigkeit architektonisches Kulturerbe von Baggern niederschaufeln lassen, zuletzt etwa vor einer Woche die Villa Weinmeister am Linzer Pöstlingberg. Das geht in einer Stadt, die die eigene Baugeschichte nicht würdigt, sich aber gern Kulturstadt rufen lässt?

Mit Curt Kühne und Julius Schulte sind Handschriften an zahlreichen Gebäuden im gesamten Stadtgebiet, die in Funktionalität und Sachlichkeit Linz eine Prägung der Moderne geben, auch weil sich die Gebäude in die Räume der Biografien der Linzerinnen und Linzer eingeschrieben haben, etwa im Schulbau (Diesterwegschule, Körnergymnasium, Weberschule) oder im Parkbad als allseits beliebte und weithin bekannte Sport- und Erholungseinrichtung. Das gilt aber auch für entlegenere Stadtteile, darunter auch jenen, in denen ich aufgewachsen bin.

Der einzige Sakralbau Curt Kühnes, der verwirklicht wurde, war die Kirche St. Antonius im Stadtteil Scharlinz. Die große Schachtel an der Ecke Einfaltstraße/Neuhoferstraße war etwas überdimensioniert für den durch Einfamilienhäuser, zumeist zweigeschossig, in der Bebauungshöhe niedrig gehaltenen Stadtteil. Mächtig erschien die Kirche auch mit ihrer zur Neuhoferstraße hin seitlich positionierten, breiten Freitreppe, Bühne für den Gottesdienst zu Fronleichnam unter freiem Himmel nach der Prozession durch die Straßen rundherum.

Ich weiß, wovon ich hier erzähle, denn ich ministrierte hier im Alter von acht Jahren (3. Klasse Volksschule, 1975) bis in die Unterstufe meiner Gymnasialzeit, sicher nicht länger als 1983, da wurde die Kirche abgerissen und an einem nahen anderen Standort neu errichtet. Diese Übersiedlung machte ich als Ministrant nicht mehr mit. Unser Pfarrer, ein 1956 während des Ungarnaufstands nach Österreich geflohener Geistlicher, war auch jener, der uns Ministranten (dazumals ausschließlich Buben) mit einer technologischen Errungenschaft vertraut gemacht hatte. Zur Vorbereitung unserer Einsätze bei den Liturgien der Karwoche beschäftigten wir uns im Pfarrsaal theoretisch mit unseren „Inszenierungen“: Herr Balogh zeichnete uns mit Kringeln (jedes ein Ministrant!) und Pfeilen (für unsere Wege) auf Folie auf einem Overheadprojektor, damals noch in der Version mit der endlosen Folie zum Kurbeln über das leuchtende Feld, wie wir uns am Gründonnerstag, Karfreitag und erst recht in der Osternacht in Kühnes Kirchenraum zu bewegen hatten.

Apropos Kühne, apropos Karwoche: In dieser wurden wir Ministranten auch gebeten, den Pfarrgemeinderatsmitgliedern als Dank für ihre Arbeit ein von der Pfarrköchin selbst gebackenes Osterlamm aus Germteig zuzustellen. Viele der Pfarrgemeinderatsmitglieder wohnten in den mit der Berliner Gartenstadt Staaken (Spandau) verwandten Giebelhäusern in der Haydnstraße, ebenso von Curt Kühne ersonnen, schmale Fassaden in einer Reihe, links und rechts der Straße, wie in einem Angerdorf. Dieser schöne Job war für uns Kinder lukrativ, denn die Zustellung des Lamms, jeder durfte maximal vier Adressen mit seinem Fahrrad anfahren, erbrachte pro Lieferung Trinkgeld in Gestalt von einer Tafel Schokolade oder zwanzig Schilling (heute EUR 1,45).

Zur Ausstellung, die das NORDICO Stadtmuseum Linz in Kooperation mit dem Architekturforum Oberösterreich ausrichtet, letzteres mit Sitz in der Volksküche (1926 nach Plänen von Curt Kühne errichtet), ist im Verlag Anton Pustet ein sehr bedeutendes Buch mit Aufsätzen, Werkverzeichnissen und Fotografien der Kühne/Schulte-Bauten von Gregor Graf erschienen. Es hat einen fixen Platz in meiner kleinen Fachbibliothek zu Architektur der Stadt, Wohnen und Stadtsoziologie erhalten.

Foto: Curt Kühne, Diesterwegschule (1931), Foto: Gregor Graf 2021/Nordico Stadtmuseum Linz

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