Politik

Das Verbot, das es auch braucht

Hierzulande – ich nenne uns hier heute bewusst international Austria – wird nun endlich auch über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert. Unter 14-Jährigen soll Social Media verwehrt sein oder werden. Die reale Chance auf ein Regelwerk befindet sich bereits im Hin- und Hergezerre der Politik, im Jo-Jo-Spiel ihrer Willenskraft. Diese lässt sich gern vom Getöse von Experten beeinflussen, die sagen, ui, es sei sehr schwierig, so ein Verbot umzusetzen. Denn da gehe es darum, nicht noch mehr Daten an die Anbieter zu liefern, also beispielsweise Daten, mit denen man sich verifiziert.

Die ganze Welt läuft ihrer spät gewonnenen Erkenntnis hinterher, nämlich der, dass der Zugang zu Social Media der großen Anbieter, mit einer Altersschwelle 13 Jahre belegt, seit jeher komplett unkontrolliert unterlaufen werden kann. Ich las Jonathan Haidts „Generation Angst“, mit dem den Inhalt zusammenfassenden Untertitel „Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen“; keine überraschenden Erkenntnisse, aber die von Haidt und Team gesammelten empirischen Untersuchungen, die die Korrelation von Smartphone und psychischer Disposition Jugendlicher belegen, fordern unausweichlich ein Handeln. Was aber haben oder hätten wir von einem Verbot, das irgendwie sicher umgehbar ist? Haidt schlägt ein Stufenmodell vor, demzufolge je nach Altersstufe reguliert werden kann, wo sich ein Kind bzw. ein/e Jugendliche/r im Internet und in Social Media aufhalten darf. Technologisch ist das alles lösbar (und natürlich hat der amerikanische Psychologe Haidt hier leicht zu argumentieren, da er den Werte-Kanon um Datenschutzrichtlinien, Gleichberechtigung und -behandlung nicht dermaßen angebetet vor sich herzutragen hat, wie es in Europa gepflegt wird. Ich halte diese Werte hoch, sie sind immens wichtig und zu unterstützen, nur all ihre bürokratischen Details sind immer kafkaesk).

Schauen wir doch auf Australia, namentlich gerne verwechselt ja quasi Nachbar zu Austria: Da wurde per Gesetz vom 10. Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahre durchgesetzt. Mitte Jänner 2026, gut ein Monat nach Einführung, berichtete die Austria Presse Agentur von 4,7 Millionen still gelegten Accounts dieser Zielgruppe. Zuvor schon nahm das Murren von Meta, TikTok, Snapchat & Co. deutlich wahrnehmbar zu. Der Kundenverlust von für Werbung höchst interessanter Klientel kostet. Bei Haidt kann man auch nachlesen, wie er und seine Mitarbeitenden am Buch von „inside Meta“ Informationen recherchieren konnten, dass die Algorithmen sehr genau auf jene unter 13 programmiert sind, und zwar so, dass sie verführen, zum Dauer-Scrollen, zu Influencer-Abhängigkeit in Sachen Schönheitsideal und zu offener Konfrontation mit Bildwelten (Gewalt, Pornographie), die Kinder- und Jugendlichengehirne in Beschlag nehmen und lange nicht mehr verlassen, mit schwersten Verstörungen als Folge.

Jetzt muss es schnippisch werden: Australien vermochte es, der Premierminister Anthony Albanese rühmt sich (verständlicherweise) der Pioniertat, auch als benchmark für andere Länder der Welt. In Austria warnt man sich vor einer „Insellösung“ und setzt auf eine der Europäischen Union, es gebe auch etwas, eine App, in fünf EU-Ländern sei sie bereits im Test, nicht in Austria. In solchen Angelegenheiten sind wir da selten gerne vorne dabei.

Ceterum censeo, schrieb Cicero, also im Übrigen bin ich der Meinung, dass auch Menschen im Berufsbild Politikerin oder Politiker von einem Social-Media-Verbot umfasst werden sollten. In ihren Stäben haben sich Marketing-Leute eingefunden, die tagtäglich kostbarste Arbeitszeit für Gemeinde, Land, Republik rauben, Zeit, in der Politikerinnen und Politiker für Kameras, Reels, Storys, Content posieren und sprechen müssen. Wer immer diese Inhalte sieht, mag den Daumen vom Weiterschieben oder -wischen kaum wegbringen. Fassungslos und mithin peinlich berührt verlieren Gehirne von Bürgerinnen und Bürgern ihren Glauben an die Arbeit für die Demokratie, für das gesellschaftliche Gefüge. Nicht Denken, Diskutieren im Team, Mensch zu Mensch, ein Entwickeln zum Besten für alle finden nach solchen „black box“-Phasen von Arbeiten über die Kanäle ihrer Prüfung, etwa Prozesse der Gesetzwerdung, in die Öffentlichkeit. Unsere Politikerinnen und Politiker rittern sich in das Berufsbild des Influencings hinein, verkaufen rasche Ideen oder schon mal politische Initiativen anderer als ihre eigenen Erfolge, posieren privat und präsentieren sich etwa in ihren Ballkleidchen für die Followerinnen und Follower.

Wahlkampf in Permanenz! Für welche Zielgruppe auf Social Media? Die unter 16-Jährigen auf dem Weg zu ihrem irgendwann ersten Mal in der Wahlkabine. Wer also wird sich darum mit einem Verbot die Kommunikation zum begehrten Wählerinnen- und Wählernachwuchs verbauen wollen?

Foto: Pexels/Free Photo Library

Hinterlasse einen Kommentar