Politik

Erst ein Viertel

Übermorgen Dienstag, wieder ein 20. Jänner, schreibt man ein Jahr seit Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten in die Geschichtsbücher, erst ein Viertel seiner Amtsperiode.

Der Befund ist deutlich und in jüngst medial vermittelten Bildern gefasst so zu beschreiben: Eine Frau geht eine ganze Reihe von ICE-Exekutivorganen ab und klagt den Mord an einer dreifachen 37-jährigen Mutter an. Selbstverteidigung: Dieses Wort wurde offiziell den Geschehnissen verpasst. „Don´t smirk“, ruft die Frau im Video zuletzt wiederholt manchen ins verhüllte Gesicht. Denn sie sieht das hämische Grinsen (engl. smirk, als Verb to smirk) trotz schützender Stoffbedeckung.

Amerikanerin gegen Amerikaner in einer schon bürgerkriegsähnlichen Konfrontation: Das rührt von einem Umbau des Lands in ein Imperium, das sich nach außen erweitern möchte, dabei aber innen die Kontrolle verliert. Die Politik des Kaufmanns braucht weder Diplomatie noch internationales Recht. Er regiert mit seinem absoluten Lieblingswort, dieses lautet „deal“; nicht alles will er kaufen (wie Grönland), manches nimmt er sich (Öl in Venezuela). Sein weiterer Wortschatz bleibt überschaubar, nice way, hard way, Ländernamen, die er aufzählt, als wären sie Produkte in einem Supermarkt im Regal. Mimik und Körpersprache sind einfältig gleich, ob er sich am Rednerpult festhält, dort den Kopf schieflegt, die Lippen zu einer Art offenen Kussmund formt, ob er das in der Air Force One tut. Für schnelle Journalistenfragen, meist auch von ebenso einfältigen Gemütern, reicht das. Ihnen läuft dann ein Grinsen in ihren Gesichtern auseinander, uneindeutige Mimik. Sind die von dieser Kaltschnäuzigkeit des neuen Imperialismus begeistert? Oder grinsen sie sich frei vom Druck dessen, was sie gerade erleben müssen?

Wir, die andere Welt, sehen seit 363 Tagen ein seltsames Schauspiel, in das wir fallweise involviert wurden, etwa als seine Zollansagen auch unsere Wertpapiermärkte kurz einmal durchbeutelten. Man muss loben, dass nach Kurstalfahrten in Folge seiner Ansagen vor elf Monaten diese Märkte eine neue Resistenz entwickelt haben. Das hat der Überfall auf Venezuela vor zwei Wochen gut gezeigt. Den Börsenmaklern unserer Welt ging das am sonst so feinfühligen Nervenkostüm aber so etwas von vorbei. In diesem schönen Lernerfolg beweist sich ein Stück Unabhängigkeit. Die Konsequenzen für die Realwirtschaft bleiben heftig. Anscheinend müssen wir diese in Kauf nehmen.

Natürlich hängen wir in vielem am amerikanischen Tropf. Ich entwickle diesen Text in Software eines großen amerikanischen Anbieters. Ich veröffentliche ihn in Blog-Software eines anderen amerikanischen Anbieters. Über diesen lief übrigens, was meine Präsenz darin betrifft, am 7. November irgendein nicht näher zu definierender, aber intensiver Scan-Prozess. Ich erkannte es an wirklich extrem auffallenden Zugriffsraten jenseits des sonst Üblichen, ihrer Herkunft aus den Vereinigten Staaten und in der Statistik des Aufrufs vieler Beiträge je einmal.

Es mag sein, dass dies der präsidialen Anordnung einer Kontrolle all jener kritischen Äußerungen über ihn, den eigentlich Unangreifbaren, Folge leistete. Mit Meinungsfreiheit hat er es ja genauso wenig wie mit historischer Wahrheit, die Umschreibungsprozesse amerikanischer Geschichte liefen schon längst vor der Verbiegung der Geschehnisse rund um den Sturm aufs Capitol vom 6. Jänner 2021.

Wenn ich darum als Verfasser verschiedentlicher „Schmähungen“ des Königs in seine Ungnade gefallen bin und mir darum etwaige Einreisebegehren verwehrt werden: Ach, was ist mir das aber auch egal! Denn wie viele andere auch, verhält es sich bei mir so. Mich sieht dieses Land, solange er an dessen Spitze steht, gewiss nicht, also mindestens weitere drei Jahre. Der Tourismus in die Vereinigten Staaten spürt das Regierungsruder des Immobilienmaklers bereits deutlich. Fortdauernd wird das dem eigentlich darin zu erzielenden Umsatz zusetzen, eine interessante Sanktionsmöglichkeit von uns, wie ich finde, der anderen Welt.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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