Soziales Handeln

Im Großstadtmenschen-Modus

Unverdrossen halte ich in meiner Freizeit am Lesen soziologischer Fachliteratur fest. Natürlich nicht nur, ich folge auch anderen Interessen. In der Weiterentwicklung der Wissenschaft, ich habe Soziologie studiert, will ich nicht ganz den Zugang zu Theorien, Modellen, Forschungsmethoden verlieren. So beschäftige ich mich seit doch nun schon gut zwei Jahren mit Hartmut Rosas „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“. (Ja, es braucht dafür einen hellwachen Kopf und nicht immer hat man den in seiner Freizeit verfügbar, so geht man mit guter Fachliteratur eben auch durch Jahre.)

Da stoße ich – und Rosa publizierte das Buch bereits 2016! – auf die heute so alltäglich gewordene Forderung nach dem Abstand-Halten. Denn Rosa rollt sein großes Konstrukt zur Resonanz ab Seite 540 entlang der großen Denker der deutschsprachigen Wissenschaftsgeschichte der Soziologie aus, zuerst Karl Marx, dann natürlich Georg Simmel. Dabei erörtert Hartmut Rosa, inwiefern die Idee der „Blasiertheit“, die Simmel für den großstädtischen Menschen ins Treffen führte, auf die Resonanz wirkt.

Die Hauptsorge der modernen Großstadtmenschen sei es, so Simmel, zu verhindern, dass Fremde ihm zu nahe kommen. Abstand halten wird zur dispositionellen Grunderfordernis, das freilich mit der Gefahr der Vereinsamung und Isolation auch und gerade mitten unter den Menschenmassen der Metropolen einhergeht.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, S. 560; Hervorhebung im Original

Mächtig steht dieser Satz da und liest sich zu gegenwärtigen Zeiten, in denen wir kurz vor Vollendung unseres ersten Jahrs mit dem Coronavirus stehen, als eine Handlungsanleitung zuerst aus Forschung, die dem opus magnum „Resonanz“ in den Jahren vor 2016 vorausgegangen ist, und die von heute aus berechnet fast 120 Jahren in die Vergangenheit zurückgreift. Simmels Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ erschien immerhin bereits 1903.

Das Abstand-Halten an sich ist ja Verhaltenstugend im großstädtischen Raum. Mit Rosas Beispiel: Wer in eine Straßenbahn steigt und dort jede Menge Wahl hat, welchen Sitzplatz sie oder er einnehmen möchte, wird nie unmittelbar jene Gelegenheit wählen, bei der man neben einem Fahrgast, der da schon sitzt, Platz nimmt. Man setzt sich in bestmöglich großer Distanz zu den anderen dorthin, wo viel Raum um eine oder einen verfügbar ist, vorzugsweise auf einen von noch freien Doppelsitzen. Dispositionelle Grunderfordernis nennt Hartmut Rosa dies. Sie ist uns gegeben, mit der zurzeit gesundheitsfördernden Vereinsamung oder Isolation.

Wir kommen gut durch die Pandemie, indem wir uns darin üben, wie wir es beim Straßenbahn-Fahren (außerhalb von Stoßzeiten natürlich) miteinander halten. So einfach ist das.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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