Philosophie

Flach steht die Sonne

Das ist natürlich ein Novemberphänomen, hier in jenen geographischen Breiten, in denen ich lebe und arbeite; allerdings auch nur dann, wenn die Licht- und Wärmespenderin den dichten Nebel der Beckenlagen durchdringt. Im flachen Licht, nicht zwingend nur der Sonne der Kultur, werfen dann selbst Zwerge lange Schatten.

Die Aufmerksamkeitsökonomie erlebt in diesen Tagen eine sehr eigenartige Verteilung, sie bedient Geschichten von Abgängen: der hohe Kammerfunktionär, der Gesundheitsmanager. Der eine stolperte über staunend machende Gehaltserhöhungen für die eigene Mitarbeiterschar im Vergleich zu jenen der Branchen, die vertreten werden (im Schatten dazu ging es um großzügigste Zugeständnisse an die Gehaltskonten der Kammerpräsidien), der andere über Missstände in der Akutversorgung, Personalmangel, sinkende Zahlen an geplanten Operationen.

Es wäre einmal mehr vermessen anzunehmen, dass der Tausch der handelnden und Verantwortung übernehmenden und tragenden Personen allein, dass das Abziehen von hohen Repräsentanten vom Strategiebrettspiel Wirtschaft oder Gesundheitsversorgung systemischer Wechsel genug wäre. Ich, gut gelernter Österreicher, kenne diesen Wesenszug meines Heimatlandes genau, dieses Trägheitsmoment zur Veränderung, den kurzfristigen Zug in Richtung Aufbruch, wie an einem Gummiband gespannt. Am Punkt seiner stärksten Ausdehnung schnalzt es in seine Ausgangsposition zurück. Anpassung an Herausforderungen der Gegenwart passiert erst dann, da muss der Leidensdruck schon wirklich kräftigen Schmerz ausgelöst haben.

Ich selbst befinde mich gerade in einem seltsam wechselnden Takt verschiedener Arbeitsphasen, da sehr wohltuend die von Aufbruch, Visionieren, Gestalten von Zukunft, dabei auch von wirklich gewinnendem networking. Dann wieder umfasst mich die Krake des Beharrenden, des Konventionellen, der längst aus unserer Zeit gefallenen Strukturen, die sich wieder vordrängen, „weil es schon immer so war“. Energie und Existenzberechtigung ziehen diese genau daraus: Es ist eben so und muss daher so bleiben. Das arbeitet unserer lähmenden Bequemlichkeit zu, die uns in Europa anderen globalen Entwicklungen hinterherhinken lässt.

Ins flache Licht der Sonne, sofern sie sich durch den Nebel arbeitet, in dieses Licht, das die Schatten von Kleinigkeiten lang und bedeutend macht, blickt man am besten mit zusammengekniffenen Augen, um trotz Blendung noch etwas sehen zu können. Eine interessante Metapher zur Gegenwart, würde ich meinen, für diese Tage, die an Helligkeit sparen, uns zunehmend mit mehr Dunkelheit umfassen.

In der sitzen wir dann und lassen uns, gespürt so früh wie noch nie zuvor, nämlich seit 14. November (!) mit ohrenverklebendem Weihnachtspop von „Last Christmas“ oder „It´s Beginning to Look a Lot Like Christmas“ oder „Let It Snow!“ einlullen, brauchtumsbedingte Sedativa, angewandt gegen eine doch sehr drängende Unruhe zu Aufbruch und Veränderung.

Foto: Pexels/Free Photo Library

Hinterlasse einen Kommentar