Seit Freitag vor einer Woche brennt es unter den Fingernägeln: „James Brown trug Lockenwickler“, eine Komödie von Yasmina Reza, nun vor neun Tagen am Landestheater Linz (Oberösterreich) ins Bühnenlicht gesetzt, wurde von der Regie (Fanny Brunner) mit einer hinzugefügten Figur, einem „unbekannten Clown“, gecrasht.
Ich habe lange überlegt, ob ich diesem Umstand hierorts Zeilen widme. Ja, ich muss es tun. Denn die Ambivalenz dieses Eingriffs schreit zum Himmel. Ich fange den Schrei ein und transformiere ihn nun. Was also passierte?
Das Stück, vor zwei Jahren in deutscher Übersetzung (Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel) in München erstaufgeführt, im vergangenen Frühjahr dann am Theater in der Josefstadt in Wien zur Österreich-Premiere gebracht, behandelt die Geschichte einer Familie, deren Sohn Jacob sich als Céline Dion sieht. Nun befindet er sich in einer psychotherapeutischen Station und lernt dort mit Philippe einen Freund kennen, der sich, obwohl weiß, als Schwarzer begreift. Die Psychiaterin versucht, wie es im begleitenden Text zur Inszenierung heißt, „sie in Einklang mit sich selbst zu bringen, sie zu befähigen, ihre Emanzipation zu akzeptieren“. So fällt einer der wesentlichen Halbsätze schon sehr bald, nämlich der, dass sich Jacob nicht „von seiner Biologie einschüchtern“ lässt. In dieser Tonlage Humor, die wir von Yasmina Reza, dieser wunderbaren Autorin, kennen, liegt die Kraft für unser (eigentliches) Erkennen als Publikum, diese Dialogsprache öffnet etwas. So ist das in „Kunst“ oder so ist das in „Der Gott des Gemetzels“.
Die Linzer Inszenierung von „James Brown trug Lockenwickler“ spielt sich zu wenig mit den Beziehungen der Personen zueinander. Vier der (nach Rezas Text) fünf Figuren dürfen ihre „lazzi“, also ihre Spiele, ihren Slapstick ausleben. Dabei rätseln wir schon, warum die Psychiaterin vom Lachkrampf ins Weinen und zurück fällt, also auf der Affektskala auf- und abfährt, warum sie da in einen großen grünen Salat beißen und mit vollem Mund minutenlang (atemluftraubend?) Gefühlsfarbpalette zeigen muss (von Gunda Schanderer großartig gespielt, das ist sicher nicht die Frage!). Vater Lionel (Daniel Klausner) – am Punkt seiner Grenze, Sohn Jacob als Céline Dion zu verstehen – zappelt, Arme und Beine von sich gestreckt, wie ein auf dem Rücken gestrandeter Käfer sein Leid. Der „schwarze“ Philippe (Markus Ransmayr) tanzt uns einen Stammestanz mit Gesang. Jacob/Céline (eher farblos trotz rosigem Jogginganzug: Jakob Kajetan Hofbauer) rudert ein bisschen Star-Gesten in die Luft. Pascaline (Angela Waidmann) darf nicht und niemals übertreiben und schluchzt ihren Mutterschmerz überzeichnungsfrei. Dass sie und Gatte Lionel in österreichischer Tracht antreten, trotz französischer Vor- und Nachnamen, wirkt wie eine schlechte Karikatur und reicht auch noch lange nicht für eine Provokation als cultural appropriation (kulturelle Aneignung).
Den unbekannten Clown schiebt die Inszenierung als sechste Figur hinein. Oftmals geht er durch die sehr leere Szene, eine Hollywood-Schaukel und eine Projektionsleinwand auf leicht gewölbter Drehscheibe mit sonst freiem Blick in die Technik des Bühnenhauses; Ausstatter Daniel Angermayr musste sich offensichtlich bescheiden. Dann kommt die „Kippe“ (so wurde das in der inszenierungsbegleitenden Pressekonferenz vorab angekündigt): Da hält der Clown einen Monolog, eine Sammlung von Aussagen und Kritik am „linken“ Gehabe, an der „Wokeness“, Sätze, die uns Populisten vieler Länder, auch hier aus unserem und erst recht der seit zwei Monaten in den Vereinigten Staaten regierende Oberclown an die Köpfe werfen. Natürlich ist das Ganze eine gewaltig aufrührende Nummer, glänzend von Alexander Hetterle dargeboten. Nur ist sie ausschließlich Spiegel, ein 1:1-Abbild, eine Zusammenfassung dessen, was uns Nachrichtensendungen und Zeitungen seit Monaten und seit 20. Jänner dieses Jahres vor Augen führen und ans Ohr tragen. Da frage ich mich, warum dies nur so auf die Bühne kommt, wo es in dieser Form nichts kann – außer: ambivalent zu bleiben. Wenn ich mir vorstelle (und es fällt mir zu leicht), dass Menschen im Zuschauerhaus verweilen, die diese Textlawine inhaltlich unreflektiert bejahen, dann hat der Horrorclown die Rolle, den Totengräbern einer modernen, offenen, demokratischen Gesellschaft zuzuarbeiten. Denn das Schwurbeln wird bestätigt. Meine Fantasie sieht dann fiktiv Leute im Publikum, sie tragen auch Amtswürden im Land, treffen für es politische Entscheidungen. Oder ich sehe die, die immer noch durch Städte spazieren, weil sie ausgelöst durch Unzufriedenheit mit Coronamaßnahmen dereinst, sich den Protestkanal in ihren Spaziergängen offen gehalten haben. Sie würden also im Publikum sitzen und sich nach Vorstellungsende erheben, ja, Standing Ovations dafür, dass sich das Theater, die darstellende Kunst, ohnedies ein Pfuhl des linkslinken Wokeness-Gehabes, selbst erkannt hat und nun endlich distanziert!
Es gelingt der Regie nicht, die zerstörerische Intervention in die Reza-Komödie zu einer wie auch immer gestalteten visionären Aussage zu bringen. Offene Frage also, die Antwort verdient hätte: Wohin bringt das Gesülze von Trump und Gleichgesinnten uns? Und somit ist nach dem Clown-Monolog alles, was im Stück noch original nach Handlung und Text von Yasmina Reza kommt, von verblassendem Schimmer. Es kann sich nicht mehr durchsetzen. Das aggressive Clown-Intermezzo okkupiert das Stück. Warum hat diesen Irrweg niemand gebremst?
Ich verließ das Theater nach Vorstellungsende schnell, ungemein grantig. Der laue Abend einer Stadt nach Frühlingsbeginn im anhebenden Friday Night Fever umfing mich und beruhigte mich keineswegs. Theater, unbedingt auch jenes, das von öffentlicher Hand getragen wird, hat eine gesellschaftspolitische Verantwortung und diese an diesem Abend gefährlich verfehlt.
Foto: „nice time“ mit dem Clown-Eindringling (Alexander Hetterle) in Rezas Stück über Jacob, der Céline sein will (Jakob Kajetan Hofbauer) – Foto by Herwig Prammer/mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz
Kategorien:Theater
