Philosophie

Das Tröstliche des Übergangs

Das Pressefoto allein schon, eine vertraute Szene, beruhigte. Außenminister Alexander Schallenberg sitzt neben Bundespräsident Alexander Van der Bellen und unterzeichnet am Freitag, 10. Jänner 2025, das Dekret seiner neuerlichen Ernennung zum Regierungschef, zum „Übergangskanzler“, wie es heißt. Er erfüllt diese Aufgabe bereits zum zweiten Mal. Knapp zwei Monate im Herbst 2021 führte er die österreichische Bundesregierung, zwischen dem Abgang von Sebastian Kurz und Karl Nehammers Antritt. Schallenberg, der Jurist, der Außenminister und vor allem der Diplomat: Übergangskanzler, das Kompositum drückt als Funktionsbezeichnung etwas aus. Er ist Bundeskanzler auf begrenzte Zeit, bis zur Neuorganisation einer Regierung.

Das Wort „Übergang“ ließ irgendwann Ende der achtziger oder zu Beginn der neunziger Jahre den legendären Germanistikprofessor an der Universität Wien, Wendelin Schmidt-Dengler, extemporieren. In seinen das Audimax füllenden Vorlesungen immer dienstags um 13 Uhr (cum tempore! – er begann also um 13:15 Uhr) saugten wir Studierende alles seiner hohen fachlichen Kompetenz auf. Auch faszinierte uns sein „Beiseite-Sprechen“ in bester Tradition des Wiener Volkstheaters (Nestroy). Gerade auch das erweiterte unseren Horizont fürs wissenschaftliche Arbeiten. Schmidt-Dengler verführte uns darin zu philosophieren und unseren Blick auf die Gegenwart zu schärfen.

Am „Übergang“ stieß sich der Professor bei Blick auf die (aus dem 19. Jahrhundert stammende) Struktur der Literaturgeschichtsschreibung und die Einordnung von Dichtern und Werk durch Kolleginnen und Kollegen der Germanistik, die an den Epochenbegriffe herummäkelten und sich daran abarbeiteten, den Autor soundso mit seinem Werk X in einen „Übergang“ zwischen Epoche A und Epoche B zu argumentieren. Schmidt-Dengler machte seinem Ärger Luft. Und fand zum radikalen Fazit einer Auflösung aller Kategorisierungen, aller Schubladen, jeder Fassung von Stil, Lebensart und also Kultur in Epochen. Denn: „Immer ist alles Übergang“.

Das fiel mir ein, als ich Alexander Schallenberg die Füllfeder aufs Ernennungsdekret setzen sah. Ich lehnte mich zurück, lächelte in mich hinein. In mir wandelte sich die Ruhe, die mir das Bild mit dem sicheren Vertrauen, das ich hier fassen durfte, gab, in Trost. Auch voraus und dafür, was nun in Österreich kommt. Denn irgendwann demnächst verlässt der sehr geschätzte Diplomat seine zweite kurze Arbeitsphase als Übergangskanzler.

Beim Blick in die Liste der Kanzlerschaften Österreichs und da verglichen mit Amtszeiten von ganz frühen und dann Vorgängern jüngst reden wir korrekterweise nicht von Handschriften, die sich lang und darum tief ins Land eingetragen haben, von Perioden oder gar von einer Ära. Welcher Kanzler prägte eine solche? Kreisky sicher, Vranitzky auch, lange her. Danach? Amtszeiten, mal gedehnter mit differenziert einzuschätzender historischer Nachwirkung, zuletzt wieder kürzer. Unser Bundespräsident gibt bald einem anderen, nächsten die Würde des Amts. Was wird das sein, was werden? Ein Übergang. Kurz. Wie gegenwärtig üblich. Mehr ganz sicher nicht.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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