Als hätte es des Beweises bedurft: Auch dort, wo ich arbeite, wird in Linz (Oberösterreich) gebaut, also zuerst abgerissen. Wir kamen zurück aus einer Woche Semesterferien und die Häuserlinie der benachbarten Straße zeigte sich enorm verändert, in einer Woche nur, Abbruch braucht nicht länger. An der Baustelle zeigt ein Schild den Blick in die Zukunft nach Fertigstellung, wieder ein Wohn- und Bürohauskomplex. Das Bild zeigt auch eine Bestimmung als Ärztezentrum. Man versteht es nicht. Daneben steht ein Gebäude, dieses existierende ist – ein Ärztezentrum. Auf den Mailadressen von uns Nachbarn fand sich die elektronische Nachricht der Akquise: Falls wir Büroraum suchen würden, hier entsteht neuer. Das also will heißen: Diese neue architektonisch (höflich ausgedrückt) unauffällige Wohn-/Bürohausschachtel wird hingestellt, ohne dass zuvor auch nur irgendwie Bedarf erhoben oder ein konkreter Nutzungsplan ausgearbeitet worden ist.
Pars pro toto steht dies für so vieles, was in dieser Stadt an historischem Baubestand einfach vernichtet wird. Der Stadt wird damit ihre gewachsene Charakteristik genommen, die stammt dominant aus dem 19. Jahrhundert. Das neue Gesicht ist einfallslos, Beton und Glas dominieren, immer noch viel zu viel Glas, ökologisch klug (Klimawandel!) kann das nicht sein. Sehr gerne zieht man Neubauten auch zu sinnlosen Wolkenkratzern hoch, die für diese mittelgroße Stadt (etwas über 200.000 Einwohner) hauptsächlich eines erzeugen: stolze Immobilienpreise, hohe Renditen, so kann sich eine Fläche mehrfach (übereinander gestapelt) teuer vermieten oder verkaufen lassen. Den Preis für städtebauliche Scheußlichkeit gewinnt das Projekt „Quadrill“ bei der Tabakfabrik, bekanntlich Österreichs erster Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp. Als Location des Kommissariats ist der stattliche, denkmalgeschützte Bau in der Serie „SOKO Linz“ zurzeit auch im Fernsehen präsent. Vor ihm wächst nun der „Quadrill Tower“ mit 28(!) Geschossen hoch wie weit und breit dort nichts und 2025 fertiggestellt wird er die bisher stimmige bauliche Skyline der Stadt an ihrem Donauufer mit den Kulturbauten Lentos Kunstmuseum und Brucknerhaus, daneben noch ein Hotel, zerstören.
Wie man es anders machen kann, habe ich im Herbst bei meinem kleinen Städteurlaub in Leipzig erleben dürfen. Im Stadtteil Gohlis hat man das Restaurieren des Bestands in architektonischer Kunstfertigkeit betrieben, etwa aus einer ehemaligen Schokoladenfabrik ein Mehrparteienwohnhaus gestaltet, auch sonst ist die Bausubstanz des 19. Jahrhunderts wunderbar erhalten, ein Lebensraum zum Wohlfühlen, sicher nicht billig (das ist Wohnen in Linz auch nicht, ganz im Gegenteil), Leipzig behielt sich den historisch gewachsenen Charakter. Man wünscht sich, der Linzer Bürgermeister wolle in einer Dienstreise dorthin das Staunen und Nacheifern lernen. Linz darf hier gern wie Leipzig werden.
Der österreichische Nationalrat beschloss am vergangenen Mittwoch ein Wohnbaupaket, sehr zum Wohle der unersättlichen Bauwirtschaft, darin liegen Fördermaßnahmen im sozialen Wohnbau, das Erlassen von Gebühren bei Ersterwerb einer Immobilie, ein Handwerkerbonus, an dem sich die Experten in ihren Meinungen scheiden, ob der geglückt ist oder nicht. Soweit ich es verstanden habe, gehen die Maßnahmen allesamt ins Schaffen von Neubau, nicht in das Feld des Restaurierens.
Mir ist schon klar, dass die Gewerke allesamt mehr Spaß am Errichten von Neuem haben als am Erhalten und Verbessern von Bestand. Im Neuen liegt auch das bessere Geschäft (vom Materialeinsatz her). Das investierte Geld, gesprochen wird hier von zwei Milliarden Euro, wird die Preislage am Immobilienmarkt sowohl bei Erwerb als auch Miete für die Menschen nicht entspannen, weil die Branche sich nun durch die Zuschüsse bevorteilt die Gewinnmargen vergrößern kann. Insofern schauen wir bitte auch, was im Land der immer noch zu hohen Inflationsrate dieser politische Wille neuerlich anrichten wird. Die letzten Zuschüsse oder Preisstützungen waren Inflationstreiber.
Und wir gestehen uns auch ein, dass Wirtschaften im Verständnis derjenigen, die an der Macht sind, das historische architektonische Erbe nicht pflegen und darin weiterentwickeln will. Armes Österreich.
Foto: Leipzig macht es besser als Linz – Stadtteil Gohlis, „Gohliser Anger“ am 30.10.2023
Kategorien:Raum & Architektur

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