Medien

Welt aus dem Lot

Zuerst sah ich den Spot auf den Infoscreens der öffentlichen Verkehrsmittel, später dann in Internetauftritten österreichischer Tageszeitungen. Überall wird Personal gesucht, auch im öffentlichen Dienst, nicht nur Lehrerinnen und Lehrer. Auch die Kolleginnen und Kollegen der Justiz haben Personalbedarf.

Im Spot sieht man Welt, sie gerät in eine Schräglage. Da fallen Gegenstände aus Regalen. Dann aber ist es, als würde eine Person ihre unsichtbaren Arme ausstrecken, die ebenso unsichtbaren Hände ans Gesicht von uns Betrachtenden (also die Kamera) legen und das Weltbild wieder ins Lot rücken. Bei den Schaltungen des Spots im Internet gerät die main page des Online-Mediums kurz in animierte Schieflage und rückt sich dann wieder ins Rechteck des Monitors ein.

Zum Mini-Film des kippenden Alltags, der zurück ins Lot gebracht wird, spricht die Stimme aus dem Off einen Text, bei dem mich eine Wendung, streng genommen: ein Wort schwer irritiert hat. Bedingung für den Einstieg in ein Berufsbild des Justizwesens sei „Sinn für Gerechtigkeit“.

Sinn? Sinn! Wirklich nur Sinn.

Ich hoffe doch, dass der Sinn, der hier zur Anwendung kommen soll, ausschließlich gebaut ist auf Wissen, also Kenntnis, und Anwendung natürlich, der geltenden Gesetze, Regeln, Verordnungen nämlich. Nur in ihnen finden wir den definierten Rahmen für ein Handeln im Sinn(!) von Recht. Und Gerechtigkeit.

Andere „Sinn“-Welten von Gerechtigkeit setzen sich heutzutage im Internet und seinen Foren, diesen strengen Kammern von Meinungsmache, durch. Hier wird Gerechtigkeit an ganz anderen „Normen“ ausgerichtet. Da schwappt rasch eine gut genährte Welle einseitiger Meinungen aus dem Licht des ewigen Leuchtens der Monitore und macht in der so konstruierten Öffentlichkeit einen auf halbstark.

Vox populi hat sich dann im Sog ihres natürlich vollkommen unqualifizierten und allgemeinen Mitredens und -tippens in den Chat-Foren von Tageszeitungen in ihren Onlineversionen schon endgültig festgelegt. Fakten umfassend zu sichten, zu gewichten (Sorgfaltspflicht sagt das Mediengesetz dazu), zu prüfen, ein- und zuzuordnen, erscheint nahezu unmöglich geworden.

Das muss uns zunehmend zu denken und zu handeln geben. Denn dadurch wird Weltwahrnehmung aus Regularien gekippt, die wir uns mühsam für das Erhalten von Gleichgewicht in der demokratischen Gesellschaft erarbeitet, gesichert und geschützt haben. Wie zurzeit damit gespielt wird, halte ich für sehr gefährlich.

Foto: Pexels/Free Photo Library

Hinterlasse einen Kommentar