Dieses Wort zeigt eine Kraft, zweifach. Denn zu vergessen bezieht sich auf Vergangenes; ja, wir hätten schon einiges tun können. Wir wissen, wir reden. Tun? Die anderen, bitte, zuerst. Dann wir, vielleicht. Das Wort Zukunftsvergessenheit beschreibt, was uns aus der jüngeren Vergangenheit heraus gefangen hält. Wir haben vergessen, uns um unsere Zukunft zu kümmern. Zugleich fordert der Begriff aber auch auf, aus diesem Zustand aus- und aufzubrechen. Im Sinn von: Wir dürfen auf unsere Zukunft nicht vergessen.
Das Wort Zukunftsvergessenheit begegnete mir erstmals zu Beginn des vergangenen Sommers in einem Interview mit Gabriel Felbermayr, dem Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Er gab es der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT (Ausgabe vom 6. Juli 2023, Österreich-Teil) und sagte: „Wir müssen über diese systemische Zukunftsvergessenheit diskutieren.“ Dann die Frage: „Wie optimistisch sind Sie, dass man die notwendigen Klima-Entscheidungen schafft?“ Aus seiner Antwort: „(…) Realistisch werden wir in den nächsten zwei Jahrzehnten massiv investieren müssen und das bedeutet zwangsläufig, dass weniger für den Konsum bleibt. Aber dieser Konsumverzicht für den Umbau bedeutet eine bessere Zukunft. Das muss das Narrativ sein (…).“
Wir müssen gegen unsere Zukunftsvergessenheit anhalten, und zwar dringend. Insofern hat das Wort Scharnierfunktion von der Vergangenheit der Untätigkeit in die nächste knapp bemessene Zeit, in der wir ins Handeln kommen müssen. Zu tun ist wahrlich genug. Natürlich spricht der Wirtschaftsforscher, so verlangt es seine Profession, über Investitionen. Er rechnet, nach vorne, zurück und auf jede und jeden von uns heruntergebrochen, was es bedeuten wird. Ich verstehe Zukunftsvergessenheit nicht allein als eine Frage eines wirtschaftlichen Umbaus. Eine Aufzählung all dessen, worin sie bisher steckt, ist schwierig, denn die Reihenfolge kann Prioritäten setzen. Und jede andere besteht ebenso mit Recht, meine: Klimawandel, damit Natur- und Umweltschutz, demokratischer Grundkonsens, öffentliche Sicherheit, Arbeitsmarkt, Fragen von Migration und Integration, natürlich Bildung, Gesundheitssystem und Pflege, Sicherung der Pensionen, vieles mehr.
Dazu gestehe ich ein persönliches Dilemma. Ich, berufstätig im öffentlichen Dienst, gelobte meine Treue zu den Gesetzen, Verordnungen und Erlässen der Republik Österreich und ich halte mich aus tiefer Überzeugung gewissenhaft daran. Ich erkenne aber immer wieder Defizite, die sich darin zeigen, dass wir uns in einer Phase eines umfassend gegebenen gesellschaftlichen Wandels befinden. Der spielt sich keineswegs im Verborgenen ab und er ist dergestalt, dass sehr gut differenziert werden kann, was eine Attitüde im Charakter einer Eintagsfliege ist. Darauf reagieren die gesetzgebenden Kräfte richtigerweise nicht. Aber so vieles braucht Nachjustierung in der Gesetzgebung, braucht kluge und reflektierte Ideen und professionelles Management in der Legislative. All das lässt aber auf sich warten. Zukunftsvergessenheit?
Dass dem Staat ein modernes Instrumentarium fehlt, um dort, wo er seine Aufgaben umzusetzen hat, auch wirklich handeln zu können, zeigt sich nicht nur an nachhinkender Gesetzgebung, auch in Gerätschaften. Wie bitter war es erkennen zu müssen, dass das österreichische Bundesheer nicht in der Lage war, Landsleute Anfang Oktober aus Israel zu evakuieren, weil das Herkules-Flugzeug wegen technischer Probleme keine sichere Mission zuließ? Sind Handlungen und Instrumente der staatlichen Aufgabe durch falsche Sparprogramme verunmöglicht worden? Sinkt auch dadurch das Vertrauen in den Staat? Weil er nicht(s) mehr kann? Hat die Pandemie, und die geringe Vorbereitung darauf (trotz regelmäßig aus Wissenschaftlerkreisen vorgelegten schriftlichen Warnungen) nicht aufgezeigt, dass Grenzen erreicht sind, Prävention vernachlässigt worden ist? Und wo bleibt eigentlich die Ansage, aus der Coronapandemie lernen und sich besser vorbereiten zu wollen? Bisher nur in einem Bericht, Papier ist geduldig. Zukunftsvergessenheit?
Zu Hause in unseren Küchengesprächen – die Küche ist der beste Ort, um die Welt in philosophischen Gesprächen in Richtung Verbesserung zu schieben – erörtern wir immer wieder, ob die in wiederkehrenden Umfragen herausgearbeitete Sehnsucht nach dem „starken Mann“ nicht missverständlich interpretiert ist und wird. Wir kennen die genauen Formulierungen der Fragestellungen der Meinungsforschenden nicht. Vielleicht sind sie unscharf, und vielleicht zielt die Fragestellung deutlicher ab auf einen gestärkten oder in seinen Regeln und Kontrollen moderner gerüsteten (problematisches Verb, ich weiß!, also), ausgestatteten/vorbereiteten/… Staat – gemeint natürlich in jedem Fall in einem demokratisch gefestigten Grundkonsens. Es würde sich lohnen, diesen Gedanken weiter zu verfolgen und auch von wissenschaftlicher Seite reflektiert und analysiert zu erhalten, insbesondere in diesem gerade neuen Jahr, dass im Herbst einen Wahlgang zur neuen Zusammensetzung des österreichischen Nationalrats und auch einer neuen Bundesregierung mit sich bringen wird. Wir alle kennen die Meinungsforschung nicht allein der vergangenen Wochen, nein, Monate, und wir wissen, wer da beständig vorangelegen hat und weiterhin voranliegt. Das kann es ja wirklich nicht sein bzw. werden. Vielleicht aus einer riesigen Missinterpretation von Meinung im Volk? Gestärkter Staat statt populistischer Schreihals?
Weil ich mich nach seinem Tod Anfang Juli 2023 wieder durch sein Werk lese, unsere Bücherschränke halten da einiges bereit, bei Milan Kundera fand ich im Roman „Abschiedswalzer“ (in der Übersetzung von Susanne Roth) auf Seite 98 diesen Satz, über den nachzudenken ich im Zusammenhang mit allem, was ich hier ausführen durfte, sehr herzlich einladen will. Ich kann mich mit diesem Satz immer wieder und sehr ausdauernd beschäftigen. Seine Wahrheit, natürlich betrachtet durch die Brille Politik, in vielen Ländern der Welt und nicht nur in Österreich, tut weh. Der Satz lautet: „Die Sehnsucht nach Ordnung ist ein tugendhafter Vorwand, mit dem der Hass auf die Menschen sein rasendes Tun entschuldigt.“
Foto: Morgenstimmung vom Montag, 11. September 2023
Kategorien:Philosophie, Politik, Soziales Handeln
