Fällt selbst hinein. Im Sprichwort. Sein Sinn: Angerichtetes Übel wendet sich gegen einen selbst. Wir machen einen großen Sprung in den Norden Europas, konkret nach Kiruna, in die nördlichste Stadt Schwedens. Sie war Ziel einer schon lange auf unserer „bucket list“ geführten Reise, aus Leidenschaft für Schweden und vor allem begründet darin, dass von Kiruna aus noch 90 Kilometer in Richtung Nordwesten Abisko liegt, Einstiegsstelle zu dem Fernwanderweg Schwedens, den „Kungsleden“. 500 Kilometer führt er am Fjäll entlang, und manche Erhebungen dabei natürlich mitnehmend, gen Süden. Für Urlaub bzw. Ferien berufstätiger Menschen weiterhin im Gesamten (30 bis 40 Tage) ein Ziel für eine Zukunft in der Zeit nach den Jobs wanderten wir ihn zumindest „an“, ein Hineinschnuppern in die erste Etappe. Den ganzen Kungsleden gehen – das bleibt auf unserer „bucket list“.
Was uns auch nach Kiruna und Umgebung gelockt hat, ist die Urbevölkerung, sind die Samen, ihr Leben in und mit der Natur, ihre Arbeit mit den Rentieren.
Für die Reise im Sommer 2023 gab schlussendlich eine zuerst unauffällige Pressemitteilung gleich Anfang Jänner den konkreten Impuls. Man habe in der Region seltene Erden gefunden, Jubel! Die Politik erging sich sogleich in neuen Heilsversprechungen: Die grüne Zukunft Europas öffne sich nun, weil sich in Schweden Ressourcen auftun, die Europa in Unabhängigkeit vom internationalen Markt bringen; international, das bedeutet in Sachen seltene Erden vorrangig natürlich: China, wo man weltweit über rund 40 Prozent von „rare earth“ verfügt (Bayan Obo nahe zur Mongolei).
„Jetzt müssen wir hin“, sagten wir uns im Wissen darum, dass das Vorhaben, hier den ohnedies in Kiruna bestehenden Bergbau zu intensivieren, landschaftlich Veränderungen nach sich bringt und Natur zerstören wird. Bei unserem zweiten Besuch im Nutti Sami Siida, dem schönen Freilichtmuseum zur samischen Kultur in Jukkasjärvi, wird uns Alexander Kemp, ein 29 Jahre junger Same, mit kritischer Einschätzung noch mehr Bestätigung liefern, dass es gut war, nun hingereist zu sein. Die Funde seltener Erden liegen in Kurravaara, also rund 15 Kilometer nördlich von Kiruna, ein Naturreservat, in dem auch wir während unserer zwei Wochen wohnten, in dem wir drei Kilometer weiter auch Holzhäuser mondänerer Bauweise samt Garagen und Ruder- wie Motorbooten vorfanden, Wohnorte so mancher mit Gewissheit Betuchter aus der Region, vielleicht auch nur zum Wochenende, eine Idylle jedenfalls. Mit Ablaufdatum. Diese kann in maximal 15 Jahren Geschichte sein, wenn das Bewilligungsverfahren für den Abbau der kostbaren Metalle für all unsere elektronischen Apparaturen abgeschlossen ist; spätestens, seitens der Europäischen Union signalisiert man, das Verfahren deutlich zu beschleunigen.
Aber alles eigentlich einer anderen Reihe nach: Wer eine Grube gräbt … In Kiruna gibt es den europaweit größten Untertageabbau von Eisenerz, durchgeführt durch LKAB, ein staatliches Unternehmen, das 4500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Beschäftigung gibt, in einer Region, die seit gut hundert Jahren und in weiterer Zukunft auf diesen Wirtschaftszweig samt Umfeld (also z.B. Bauwesen) angewiesen ist. Anderes? Ein wenig Tourismus, aber eher in der Durchreise, gemeint damit all jene, die mit Ungetümen von Rucksäcken auf ihren Schultern Richtung Abisko wollen. Der Erzabbau ist intensiv und er habe in seinem Fortschritt die Standortfläche der bisherigen Stadt Kiruna (samisch „giron“: der Name bedeutet „Schneehuhn“) längst unterhöhlt, die Stadt „wackle“, nicht wörtlich, aber sinngemäß, warum auch einem bereits 2004 gefassten Beschluss folgend die Stadt Kiruna übersiedelt. „Ny centrum“ nennt sich eine in den vergangenen acht Jahren ostseitig erschlossene Platte der Stadt, darauf das „Stadthus“ mit dem Kunstmuseum, „Kristallen“ genannt, das Kongresszentrum „Aurora“, dazu schon ein Hotelanbieter, für einen weiteren zieht LKAB mit Baufirmen ein nächstes Unterkunftsgebäude hoch. Die jeweiligen Häuserblöcke hier nennt man „quarter“, alles in zweckdienlicher Architektur. Sie könnten so aber auch in neuen Vierteln aller Großstädte dieser Welt stehen. New York scheint ein wenig das Muster zu geben, auch wenn man nicht in die Höhe wächst, so teuer dürfte der Grund nicht sein, und eine Notwendigkeit für Bauhöhe scheint nicht wirklich gegeben.
2035 will man die Übersiedlung hierher abgeschlossen haben, der Charakter der alten Stadt mit ihren Häusern, viele davon waren denkmalgeschützt, wird nur partiell wiederzufinden sein, und zwar dort, wo historisch als wertvoll eingeschätzter Bestand per Tiefladern übersiedelt worden ist, beispielsweise hinaus nach Tuolluvaara. Von einem Verrücken der Stadt – einige sagen, fünf, andere nur drei Kilometer nach Osten – ist auch die einem samischen Zelt nachempfundene Kirche der Stadt betroffen, zwischen 1903 und 1912 nach Plänen von Gustav Wickman errichtet, der auch bei amerikanischer Holzbauarchitektur und norwegischen Stabkirchen Anleihen nahm. „Wir schließen im Frühjahr 2024, im Jahr 2025 übersiedelt die Kirche, dafür muss extra eine Straße gebaut werden“, sagt der junge Mann mit seinem wallenden langen Haar, der für die schwedisch-protestantische Kirche hier im schwarzen Dienst-T-Shirt den Touristen Auskunft gibt. „Wohin kommt die Kirche?“ – „Rüber neben den Friedhof“ – „Der bleibt also?“ – „Gott sei Dank, es ist schon kompliziert genug, das eine Grab im Park hier, nämlich das des Gründers von Kiruna, zu verlegen.“ Seine Gesten gewinnen eine gewisse Größe durch seine weinrot lackierten Fingernägel, in der Farbwahl mag man eine Referenz an jene des Holzes des gigantischen Kirchenbaus erkennen.
Wenn 2035 das Übersiedeln der Stadt abgeschlossen ist, scheint die wirtschaftliche Zukunft gesichert zu sein, bis 2060, wie LKAB auf Schildern visionär anpreist. Nur? Das fragen wir uns. Ein bisschen Internetrecherche bringt zudem ans Licht, dass die Fördermengen des Erzes, das täglich in langen Güterzügen in Richtung Narvik (Norwegen) verbracht wird, um per Schiff weitertransportiert werden zu können, in Relation zum Zeitmanagement der Stadtverlegung schon früher zur Neige gehen könnten. Dann also gleich auf ein neues „city on the move“? Gut möglich.
Die samische Urbevölkerung sieht dies seit Jahren kritisch, sie sieht den Niedergang von Natur und Ressourcen, die ihnen in historischen Dokumenten zur Nutzung zugesichert sind. Sie benötigen sie fürs Rentierzüchten, das Halten der Herden, das auch klimawandelbedingt immer schwieriger wird. Erzählt Alexander Kemp, ohne Nebenjob geht es gar nicht mehr, seiner: im Museum. Im Kampf der Samen sowohl mit der schwedischen als auch der norwegischen Regierung um Nutzungsrechte des ursprünglich samischen Lands kommt nun das Thema der seltenen Erden dazu.
Sie waren immer schon vorhanden, berichten Geologen. Ob die im Vergleich zu den wirklich bedeutenden Vorkommen auf Erden (China) geringen Mengen tatsächlich ein Tor zu einer unabhängigen „green future“ in Europa aufstoßen, bleibt nicht zuletzt – allen Werbekampagnen vor Ort zum Trotz – fraglich. Das Ausschmelzen der seltenen Erden aus dem Gestein kann nämlich nicht örtlich nahe erfolgen. Die geförderten Steine treten eine lange Reise an, um all jenes zu gewinnen, was für elektromagnetische Leitfähigkeit benötigt wird. Ziel (bitte festhalten!): China!
Wie war das noch gleich? Grube, graben, hineinfallen. Abgesehen von den anfallenden Transportkosten wird sich China sicher gut fürs Ausschmelzen bezahlen lassen und weiterhin mit dem eigenen Abbau den Weltmarktpreis bestimmen. Grüne Zukunft in einem unabhängigen Europa? Eine Utopie weiterhin.
Foto: Uhrturm und „Kristallen“ im neuen Stadtzentrum von Kiruna/Schweden am 5. August 2023
Kategorien:Raum & Architektur

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