Klima

Der Jetset tanzt den Vulkan

Irgendwann sehr früh in diesem Jahr 2023, als wir gerade erst lernten, dass sich Leute auf Straßen klebten, um aufzuzeigen, dass wir alle zu wenig gegen den Klimawandel tun, amüsierte die Medienkonsumentenschar diese Meldung: Zwei Aktivisten der „Letzten Generation“ in Deutschland erschienen nicht zu ihrem Gerichtstermin. Grund: eine Urlaubsreise nach Bali, Reiseweg hin und zurück: Flug.

Geht das zusammen? Fragten sich Boulevard- und auch Qualitätsmedien. Darf oder kann man das Klima retten und zugleich noch in ein Flugzeug einsteigen? Das schnelle „Nein“ bremste jede analytische Erörterung aus. So schnell wie die Aufregung aufkam, versank sie in der Sintflut des Medienklimawandels, wo jede noch so oberflächliche Neuigkeit ein eben aus dieser Welle (kurz) herausragendes Thema mit sich fortspült und wieder untergehen lässt.

Es braucht Monate und gute Recherchen, bis gesellschaftliche Ursachen bestimmbar werden. Im Spiegel vom 17. Juni 2023 findet sich eine Reportage zum Lifestyle jener, die als Generation Z in Sorge um eine lebbare Zukunft einerseits den Klimaschutz einfordern, andererseits nach Prinzipien handeln, die in einer vielleicht bislang dominant dialektisch geprägten Wertewelt (du kannst nicht dagegen sein und zugleich …) nun Staunen machen. Und zwar über die Vereinbarkeit.

Da bestimmt natürlich der Konsum, gesteuert über Influencer und – jüngster Trend – auch Defluencing, also dem gezielten Abraten vom Erwerb bestimmter Produkte. Da geht es um die Abkehr von „fast fashion“, alternativ dazu um Kleidertausch, zugleich aber um Styling, Mode (aus Onlineshops, gern einmal aus China), Individualität. Da geht es um ein Leben, das getragen ist von der Sorge um eine aussichtsreiche Zukunft, zugleich aber gestaltet erscheint, als wolle man aus der gegebenen (schwindenden) Restzeit des Machbaren alles, und zwar wirklich alles, herausholen. Vor einem näher rückenden Tag X als Konsequenz von Klimaerwärmung, Hitze, Extremwetter, von dem an beispielsweise bestimmte Destinationen nicht mehr bereist werden können, weil der menschliche Organismus die Bedingungen dort nicht mehr aushält. Utopie? Wer die Prognosen und Grafiken der Meteorologie studiert, erkennt, dass wir immer näher an Punkte von Irreversibilität von Klimazerstörung heranrücken.

Heiß ist dieser Sommer 2023 und in ihm fällt mir auf, dass sich unter diesen Vorbedingungen das Jetset-Leben zu neuen Höhenflügen aufschwingt, ein Urlaub per Flugzeug da, das Wochenende drauf gleich ein nächster Check-In zum Städteflug, um am Zielort kurz etwas zu erledigen (ein Konzertbesuch, ein Sportevent, Shopping), dann weiter zu einem von unzähligen Musikfestivals (selten „green event“, zumeist das Gegenteil, beim Electric Love Festival in Salzburg ging ein Feuerwerk in die Luft, das entnahm ich der Instagram-Story meiner Nichte, die dort war, als hätte man über die intensiven Emissionen dabei noch nie etwas gehört!). Es ist wie bei einem Tanz auf einem Vulkan, sein Ausbruch – absehbar. In einer meinungsbildenden Radiosendung suchte ein junger Mann Rat, ob er sich einen individuell fahrbaren Untersatz zulegen oder den öffentlichen Verkehrsmitteln die Treue halten soll: 85 Prozent rieten ihm zum Autokauf. Autos werden zusehends länger und breiter, wie man an den überstehenden Heckteilen auf vor 25 Jahren errichteten Stellplätzen von Tiefgaragen erkennen kann. Bestenfalls parkt die/der Besitzende das Gefährt ohnedies diagonal über zwei Plätze. Mir fällt auf, dass insbesondere die E-Autos eine Tendenz zum Volumenwachstum haben (sind die Akkus so groß?). Wenn einmal eine gewisse Zahl an E-Mobilität und Wärmepumpen zur Beheizung von Häusern erreicht ist, wird das Stromnetz das Laden und Betreiben leisten können? Insbesondere im Winter, wenn es ohnedies sehr in Sachen Versorgung gefordert ist? Wie entsorgt man eigentlich Akkus aus all diesen Fahrzeugen, wenn diese Speicher in x Jahren am Ende ihrer Funktionsdauer angekommen sind? Zu welchem Preis, also mit welcher Belastung für Natur und Umwelt?

Apropos: Dann war da noch die Luftaufnahme der neuen Westringbrücke von Linz (Oberösterreich) im Facebook-Kanal des Linzer Bürgermeisters, eine Baustelle, die vor wenigen Wochen mit einer außerkalkulatorischen Teuerung von 440 Millionen Euro Schlagzeilen machte (gestiegene Materialpreise hieß es). Die community bejubelt das Bauwerk, das sich mit Brücke und in den Bergen liegenden Ab- und Auffahrtsschleifen in die Landschaft der Ufer links- und rechtsseitig der Donau gefressen hat. Und jetzt auch noch ostseitig die Umfahrung! Das forderten einige in den Kommentaren.

Wir rennen für unsere Lebensgewohnheiten jetzt von etwas davon, was uns allzu bald einholen wird. Davonzukommen ist eine Frage der Generation. Übrigens, ich kann nicht umhin, mit jener Meldung der vergangenen Tage hier zu schließen, der die Ehre der dümmsten im Jahr 2023 zukommen muss: Peter Schröcksnadel, 81 Jahre alt, ehemaliger Langzeitpräsident des Österreichischen Schiverbands, Unternehmer (zahlreiche Firmen rund ums Schifahren), leidenschaftlicher Fischer, zweite Heimat Kanada, stellte sich im Interview als wahre „Letzte Generation“ vor: „ (…) den Titel (…) den reklamiere ich für meine Generation – denn wir sind die, die in absehbarer Zeit sterben werden“ (krone.at, 6.7.2023) Ja, stimmt. Und spiegelt das Weltbild wohl nicht nur seiner (letzten) Generation wider, zusammenfassbar in dieser Frage: Was kümmert mich, was nach mir ist?

Foto: Pexels/Free Photo Library

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