Medien

Die mindestens sechs wahren „Titan“-Tragödien

Die Medien sind voll mit Bestürzung und Mitleid anregenden Berichten über das Unglück, das sich im Atlantik ereignet hat. Es ist schrecklich, ohne jeden Zweifel. Menschen sind gestorben, sie hinterlassen Angehörige, Schmerz und Trauer.

Doch die eigentlichen, die wahren „Titan“-Tragödien liegen abseits der Oberflächlichkeit des Ereignisses tief unter dem Meeresspiegel. Sie liegen im Umstand (Tragödie 1), dass ein Unternehmen eine (soweit kann man das, glaube ich, bereits beurteilen) technisch vollkommen unzureichende Beförderungseinrichtung verkauft, ohne auch nur irgendein Sicherheitskonzept, einen Evakuierungsplan, eine vorgesehene und auch geübte Verfahrensweise für den Notfall.

Wer das Interview mit jenem bayrischen Unternehmer bei Armin Wolf in der Zeit im Bild 2 gesehen hat, der mit „Titan“ (Name nach dem weiß-glänzend dehnbaren Metall? Oder mythologisch: ein mächtiger riesiger Gott?) bei der „Titanic“ war, kommt ja aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Zwanzig Minuten lang wurde dieses Tauchboot fachgerecht verschraubt, gefangen in dieser Kapsel ging es in tausende Meter Meerestiefe. Leute, die den Tauchsport betreiben und sich professionell (Gesundheitscheck, Anleitung, Übung, Prüfung) nach und nach für Tiefenerweiterungen im Zehn-Meter-Schritt qualifizieren, erzählten mir, wie sehr der Wasserdruck zu spüren sei. Da reden wir aber vielleicht von 30 Metern. Das Wrack der „Titanic“ liegt aber auf 3800 Meter Tiefe, die unzureichende Blechbüchse mit einer Gesamtreisedauer von neun bis zehn Stunden (Bericht des Herrn aus Bayern) musste enormen Druck aushalten. Dabei haben die exquisiten Gäste kräftig dafür bezahlt, es ging in den sechsstelligen Bereich in Dollar; wenig bis nichts davon hat Sicherheitsmaßnahmen finanziert. Der Betreiber dürfte sich ein lukratives Geschäft gesehen haben (Tragödie 2), Gewinnmaximierung wurde in den Unternehmenszielen gewiss großgeschrieben, Investition in Sicherheit dürfte nicht einmal kleingedruckt in irgendwelchen Fußnoten vorgekommen sein. Dass er Kunden findet, die sich blindlings (Tragödie 3) auf vertragliche Konditionen eingelassen haben, darunter auch den kompletten Verzicht auf Refundierung(santeilen) bei Nicht-Konsum dieser suspekten Dienstleistung, spielt natürlich mit ins Geschäft. Der Herr Firmeninhaber aus Straubing berichtete, dass bei seiner Fahrt in die Tiefe drei Kunden angesichts des Beförderungsmittels verweigerten, in die Enge des Tauchboots zu krabbeln. Vernunft schlug hier noch Dummheit und akzeptierte den immensen Preis dafür, zumindest bis vor die Einstiegsluke gekommen zu sein.

Man lernt an diesem Ereignis auch, dass (Tragödie 4) besonders florierende Wirtschaft (möge, wer interessiert ist, selbst das ZIB2-Interview nachsehen und dann googlen, was in Straubing Reichtum verursacht) Menschen in Lagen bringt, in denen sie nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld. Er habe halt keine zehn Porsches in der Garage, rechtfertigte sich der angesichts des Unglücks reuige Mann aus Straubing, emotional auch insoweit betroffen, er kannte zwei der Passagiere des Unglückstauchgangs. Was habe ihn gereizt, fragte Armin Wolf. Mit den eigenen Augen das Wrack zu sehen, steuer- wie backbords je zweimal entlangzugleiten und auch mit dem Tauchboot auf dem Deck aufzusetzen. In die Reihe der Tragödien (wir sind bei der fünften) sortiert sich der Anspruch auf einen exklusiven Voyeurismus ein. Ich kann mir etwas leisten, koste es auch eine ordentliche Stange Geld, was mich als einen unter wenigen für immer von einer unglaublichen Masse Menschen unterscheiden wird. Das nehme ich mir heraus. Und wenn es mich mein Leben kostet.

Absolut falsch ist darum, die fünf Toten vor Neufundland zu Märtyrern zu erheben. Richtig wäre, all den Aberwitz um Geschäftsmodelle rund um Superreichtum konsequent aufzuzeigen und in eine globale Diskussion einzubringen. Denn es warten (Tragödie 6) genug Notlagen auf dieser Welt – Wasser, Ernährung, Gesundheit, Klimawandel – auf finanzielles Investment. Nur zu, ihr alle, die für Tauchgang oder Space-Shuttle-Flug hunderttausende Dollar hinblättert! Schon klar, das wäre altruistisch mit der Welt, bedarf also einer gewissen persönlichen Reife, aus der wächst, dass auch so Anerkennung erreicht werden kann, mit der man sich (wenn es schon so sein soll!), ebenso schön von der Masse abheben könnte.

Foto: Die Geschichte des Unglücks der „Titanic“ selbst verknüpft sich mit jenem vom vergangenen Sonntag der „Titan“ – Bild: Diagram that depicts the stardboard view of the ill-famous White Star Line’s vessel RMS Titanic by HefePine23 unter der Lizenz von  Creative CommonsAttribution-Share Alike 2.0 Generic, abgerufen in Wikimedia am 24.6.2023

Hinterlasse einen Kommentar