Literatur

Eine Existenz als Dichter ist möglich

H. C. steht in Österreich für? Hans Carl. Er, der die beiden ersten Buchstaben dem Nachnamen vorangestellt trug, war: H. C. Artmann. Es braucht öfters die Brille der Literatur statt des parteipolitischen Sehbehelfs, um abgekürzte Vornamen zu betrachten. Wobei: Ich erinnere mich gut daran, dass engere Freunde des Dichters – etwa der Buchdrucker und Künstler Christian Thanhäuser aus Ottensheim (Oberösterreich), der ihm die Anregung zum eigenen Kunsthandwerk und dem Handsatz von Kleinauflagen in einem Werkstattbetrieb verdankt – ihn sehr wohl so riefen, wie es sich der Initialen-Doppelgänger zu eigen gemacht hatte, gesprochen „hazeh“.

Am 12. Juni, also am kommenden Samstag, hätte H. C. Artmann seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Am 4. Dezember 2000 starb er. 1921 in Wien-Breitensee geboren beginnt er ein Berufsleben als Büropraktikant, später startet er eine Schuhmacherlehre, dem Beruf seines Vaters folgend. 1940 in die Wehrmacht eingezogen wird er an der Ostfront mehrfach verwundet. Er desertiert zweimal, fasst fürs erste Mal zwölf Jahre Zuchthaus aus, ins Strafbataillon versetzt gelingt es im 1944, ein zweites Mal den Wehrmachtsfängen zu entkommen. Er versteckt sich bis zum Kriegsende, gerät 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Dort beginnt er zu dolmetschen und schreibt erste Texte.

Ohne H. C. Artmann sähe die österreichische Sprache und Literatur heute um einiges ärmer aus. Ja, es gibt Generationen danach, die sich – erklärt oder auch nicht – ihm und den Freunden von der „Wiener Gruppe“ und ihrer avantgardistischen Kraft in den fünfziger Jahren dankbar erweisen müssen. „Er war mir Anschauung, Beweis, daß die Existenz des Dichters möglich ist“ (Konrad Bayer). Artmann stand für das Spiel mit dem barock Ausladenden, dem Romantizierenden, mit ihm tauchten wir in Legenden und Mythen Europas, die er erforschte, indem er sich andere Sprachen autodidaktisch aneignete und sich wie uns in Übersetzungen Dichtung erschloss, in vielem ein Pionier. So war Artmann schon lange ein europäischer Intellektueller (auch in der Praxis seines Lebens, Wohnens und Arbeitens), zu Zeiten, da war so ein Geist noch nicht einmal der Hauch einer Idee.

Das Spiel mit der Sprache, die Suche nach ihrer sinnlichen und sinnhaften Erweiterung, Vertiefung, dem sprachlichen Klang als Schärfung der Semantik und insbesondere – obwohl in seinem Werk nicht überdimensioniert repräsentiert: Mit H. C. Artmann erhielt der Dialekt den Ritterschlag, als sonst minder geschätzte Sprachebene auch der Gestaltung der höchsten literarischen Gattung, der Lyrik, zu dienen. med ana schwoazzn dintn (1958) heißt der legendäre Band, der ihm Ruhm und Anerkennung eingebracht hat.

Das Wienerische will jedem außerhalb der Stadtgrenze nur geläufig werden, wenn ein lautes Sich-Vorlesen des aufs Lautliche setzenden Niederschreibens durch den Klang die Bedeutung enthüllt. Immer noch eines meiner liebsten Gedichte von H. C. Artmann trägt den beredten Titel „wos an weana olas en s gmiad ged“, die Aufzählung, ein Panorama der Stadt in 28 Zeilen, kulminiert vor der Postkartenidylle der schließenden Zeilen einer Beschwörung des Wahrzeichens: „und en hintagrund auf jedn foe:/da liawe oede schdeffö!“

Im Zettelkasten für ein Nachwort zu „H. C.“ in der von Klaus Reichert herausgegebenen Anthologie „The Best of H. C. Artmann“ findet sich unter „Leistungen unter anderem“ der Punkt, dass „sich alles in Sprache (Literatur) verwandeln läßt und daß reziprok mit der Sprache alles angestellt werden kann.“ Genau so ist es.

Foto: Wien, Stephansdom im Abendlicht mit Regenbogen, by David Koester, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Austria, via Wikimedia Commons

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