Literatur

Eine Parabel vom großen Wandel

Natürlich ist es gut vorstellbar, dass sich Autorinnen und Autoren in der Zeit der persönlichen Einschränkungen auf nur vier Motive für ein Verlassen der eigenen vier Wände in den Freiraum der Fiktion begeben haben. Zugleich fing dann auch der Wettbewerb an, wer es denn schafft, den ersten Corona-Roman zu schreiben und zu veröffentlichen.

Es tut mir leid. Es gibt ihn schon. Er erschien Anfang 2019, heißt „The Wall“, John Lanchester schrieb ihn. Bei Waterstones in Liverpool erstand ich im Februar 2019 zwei Exemplare der englischen Originalausgabe. Eines verschenkte ich, das zweite besitzt meine Familie.

In der Rezeption lobte man den Autor für sein Werk als eine Antwort auf den zum Zeitpunkt des Erscheinens noch für Ende März 2019 vorgesehenen Brexit. Zu kurz gegriffen: Der Plot ist eine große Parabel, es geht um die Zeit nach einem großen Wandel, um Angriff und um Verteidigung. Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der „Mauer“ an. Zwei Jahre lange (wenn man so will, also für einen Zeitraum, den Experten gut und gern als durchschnittliche Dauer einer Pandemie benennen) besteht sein Leben ausschließlich aus den Rhythmen der Wachdienste. Einmal zwölf Stunden den Tag über, dann zwölf in der Nacht steht er auf dem Posten und sieht hinaus aufs Meer in Erwartung des Angriffs der „Anderen“. Die Regel besagt, dass, wenn „Andere“ durchbrechen (und sie setzen alles daran), in der Anzahl der Eindringlinge Verteidiger auf dem Meer ausgesetzt, verstoßen und ihrem Schicksal überlassen werden. Einfache Rechnung, auf Opfer kalkulierte Handlungsstrategie für die Abschottung des eigenen Systems, Angst ist ein Treibmittel. Josephs Leben reduziert sich auf Ausbildung, Drill und die Konzentration auf einen Horizont vom Mauerposten aus, der nur wenige Schattierungen von Abwechslung im Leben zeigen kann. Links und rechts von ihm hat er zwar noch auf Sichtweite Frauen und Männer seiner Einheit, die zu einem Familienersatz wird. Der einzige soziale Kontakt im Dienst ist die Frau, die die Wachtposten mit Kaffee und Müsliriegel versorgt. Mehr Abwechslung gibt es nicht während zwölf Stunden – die Zeit dehnt sich.

Natürlich inszenierte Lanchester in diese Atmosphäre hinein packende Wendungen seiner Geschichte, die hier vorweggenommen Interessierten die Lesefreude nehmen könnten. Das Finale selbst ist großartig und beklemmend zugleich. Schon lange nicht mehr legte ich ein Buch fertig gelesen zur Seite und war danach ein paar Stunden aber so etwas von neben mir.

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