Soziales Handeln

Anschlagen, Ansparen, Anklopfen oder Austreten

Der 31. Oktober ist – und hier könnten wir multiple-choice-geprägten Menschen nun unsere Kreuze setzen: a) Reformationstag, also das feierliche Gedenken daran, dass Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg am Vorabend zu Allerheiligen 1517 seine 95 Thesen angeschlagen hat, b) Weltspartag, c) Halloween oder d) der Tag des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union.

Variante d) hat sich in den vergangenen Tagen ja aufgelöst. Variante c) entwickelte sich seit Export aus dem Keltischen ins Amerikanische und von dort wieder zurück in das Brauchtum auch in Europa verkleidend herumvagabundierender Kinder und Jugendlicher einerseits zu einem Anreiz für Markt und Konsum, andererseits zu einer Belästigung mit Auswirkungsspitzen im Bereich von Vandalismus.

Ich wähle also die Varianten a) und b) und beschäftige mich mit letzterer, dem Weltspartag, heute einem Anachronismus par excellence. Denn was bringt Sparen im Sinn der persönlich gesteuerten Vorsorge für eine Zukunft unter Nutzung von Bankinfrastruktur noch? Bei einem Zinssatz, der den Namen nicht verdient, weil er nicht einmal die Höhe der Inflation erreicht, nichts außer der schleichenden Entwertung des gesicherten Geldbetrags. Welch Eifer wurde dereinst in die Erziehung zum Sparen gelegt? Man begleitete sein Kind zur Bank, es erklomm die Behelfsstufe vor dem Bankschalter, um überhaupt Gesichtskontakt mit einem freundlichen Mitarbeiter der Bank zu bekommen. Der entleerte die Sparbüchse, zählte die Münzen, lobte den Sparwillen, zog das viele Metall ein und druckte an seiner Statt im Sparbuch eine Zeile ein. Und er händigte ein Geschenk aus.

Heute bezahlt der Bankkunde für die Selbstorganisation seiner Bankgeschäfte im Internet einen stolzen Betrag pro Quartal (ja, ich weiß schon, die IT-Abteilungen warten und entwickeln die Internetanwendungen). Wenn er eines Menschen in der Filiale ansichtig werden möchte, kostet die Dienstleistung extra. Die letzte Sicherheitsverordnung der Europäischen Union führt nun ja dazu, dass der Zugriff aufs eigene Konto mittels Internet einer technischen Verrenkung gleicht, eigens zu installierendes Zugangsprogramm, Vergleichsziffern, die einen schwitzen machen, ob sie übereinstimmen (was ist, wenn nicht?), push-Benachrichtigungen, die bestätigt und SMS-TANs, die zeitnah eingetippt werden wollen. Man hat kräftig zu tun, bis sich auf dem Monitor sein Konto öffnet. Ich erwarte in einer weiteren Ausbaustufe, dass wir Bankkunden unsere DNA hinterlegen müssen und vor jeder Überweisung in unserer e-banking-Filiale zu Hause mittels Schleimhautabstrich in der Mundhöhle und Schnellauswertung im eigens anzuschaffenden Minilabor unsere Identität, Abgleich der Daten natürlich per Internet, beweisen müssen.

Banken setzen heute nicht nur voraus, dass jeder Kunde über ein Smartphone verfügt, sondern dass auch jeder fit genug ist, die technologischen Zugangsschranken überwinden zu können, auch Mitmenschen einer Generation, der die Digitalisierung in ihrer Übernahme selbst so vertrauensvoller, einst von Mensch zu Mensch gehandelter Angelegenheiten wie Geldgeschäfte in der Handhabe kräftig zusetzt. Heute ist dies, ich sehe und erkenne es an meinen Eltern, die in der zweiten Hälfte ihrer siebziger Jahre gefordert sind und gerade noch gut mithalten können, die unserer Mitmenschen 80plus. Ich glaube, dass sich mit weiteren Maßnahmen der Digitalisierung diese Altersgrenze langsam und beständig senken wird und so zu einem Phänomen der Exklusion großer Gruppen in unserer Gesellschaft führen kann. Wir sind gefordert, dies zu verhindern.

Foto: Faksimile in Nostalgie … vor 25 Jahren hat sich Sparen noch gelohnt!

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