Sprache

Vom Sondieren

Ja, natürlich ist Häme im Spiel. Die Top-Kräfte der österreichischen Printmedienszene unken in ihren Leitartikeln in dieser ohnedies erst dritten Woche nach der Nationalratswahl zur Handlung des „Sondierens“, dass sich die verschiedenen politischen Lager, immer in der Paarung des Stimmenstärksten mit einem potenziellen Partner, jetzt erst kennen lernen müssten. Zwar ist man seit Jahren durch Arbeit im Nationalrat gut miteinander bekannt und hinter den Kulissen spricht man sich auch wechselseitig mit dem vertraulichen „Du“ an. Aber wer kennt seinen potenziellen Partner für eine voraussichtlich fünfjährige Arbeitsehe schon wirklich?

Sondieren ist eine zutiefst österreichische Tätigkeit. Kein anderes Verb bringt einem die Wesensart von uns Alpenvolk näher. Kein anderes Verb bietet eine bessere semantische Entsprechung dafür, was dem Österreicher so zu eigen ist, sein Auf-Etwas-Zugehen, dieser Impuls, der kaum gesetzt sich dann in Vorsichtigkeit (böse Zungen sagen gerne auch: mit reflexartiger Neigung zum Unzuverlässlichen oder gar Unverbindlichen) einbremst.

Die österreichische Form der Wirklichkeit ist nunmal der Konjunktiv, ein Leben im Aggregatszustand des Möglichen. Sondieren: als Verb steht es laut Wörterbuch für „etwas vorsichtig erkunden, erforschen, um sein eigenes Verhalten, Vorgehen einer Situation anpassen zu können, die Möglichkeiten zur Durchführung eines bestimmten Vorhabens abschätzen zu können“. Sein nächster Wortverwandter, das Nomen, ist die Sonde. Eine solche kann in den Weltraum entsandt werden, um unendliche Weiten zu erkunden. Mit der Sonde ist aber auch die Magensonde gemeint, also das Einführen einer schlanken technischen Gerätschaft, die in klein dosierten Mengen Nahrhaftes in den Körper importiert, der (momentan) nicht über die eigentlich dafür vorgesehene Weise ernährt werden kann. Dann kennt man natürlich gerade in Österreich die Lawinensonde, jene dünne Metallstange, mit der sich nicht nur die Lage von Verschütteten, sondern auch deren Verschütttiefe feststellen lassen kann. Und mit der Radiosonde werden in höheren Sphären meteorologische Bedingungen gemessen.

Diese Bildwelt legt geradezu nahe, wie das Verb für jene Handlungen passt, die Spitzenpolitiker im Kreis engster Vertrauter in diesen Tagen vollziehen. Sie sondieren. Suchen also nach Leben in unendlichen unbekannten Weiten, führen sich wechselseitig geringfügig Nahrung zu, weil sie nach heftigem Wahlkampf nicht mehr regulär Energie aufnehmen können, orten nach Wahlkampf und Wahlgang Verschüttete in deren Tiefenlage (und retten sie?). Sie messen weit über der Lebensebene der Realität atmosphärische Bedingungen. Sondieren ist eine genuin österreichische Technik, für die der Anspruch erhoben werden sollte, sie auf die Liste des immateriellen Weltkulturerbes zu setzen.

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