Sport

Es darf heute ganz leicht gehen

Diesen Satz sage ich wenige Minuten vor dem Start zu Birgit. Er ist leider nicht von mir, er ist ein Zitat. Von Felix Gottwald, Österreichs erfolgreichstem Sportler bei Olympischen Spielen. Er stammt aus seinem Buch „Ein Tag in meinem Leben“, das beste Buch eines Sportlers, das ich je gelesen habe. In ihm verpackt er in die Nacherzählung jenes Tags, als er bei den Spielen 2006 in Turin Gold im Einzelbewerb der Nordischen Kombination gewonnen hat, seine Philosophie zu Training, Ernährung, Selbstführung. Der zitierte Satz kann von autosuggestiver Wirkung sein. Ich habe gestern Samstag wenige Minuten vor dem Start des Fuschlsee-Crossings über 4,2 Kilometer das Gefühl, dass der Satz für dieses und uns einfach im Moment perfekt passt.

Es darf heute ganz leicht gehen. Noch nie zuvor sind wir eine derart lange Distanz im Wettkampfmodus geschwommen. Wir haben im ausklingenden Winter bei einem Charity-Event in der Halle auf der 25m-Bahn 3,6 Kilometer hingelegt – unter ganz anderen Rahmenbedingungen, viel Betrieb in der Bahn und der ewige Kreisel (konkret 72mal für die erreichte Distanz). Wir haben im Pichlinger See Ausdauerschwimmen trainiert und es dabei auf maximal 3,2 Kilometer gebracht. Heute geht es also drüber. Wie wird sich das im Körper anfühlen, wenn er über das hinaus muss, was er bisher schon erfahren durfte?

Wir haben uns fünf Wochen vor dem Wettkampf die Situation im Naturbad Hof, wo das Crossing gestartet wird, gut angesehen. Wir sind im Fuschlsee zur Probe geschwommen. Ich mag das, ich brauche das. Es gehört zum Vorbereitungsprogramm dazu. Gestern Samstag shuttlen mondäne Reisebusse 177 Athleten (edle Bezeichnung, die auch an dem eigenen Eingang für uns im Fuschlseebad plakatiert worden ist) zum Parkplatz des Seezugangs auf der Hofer Seite. Von dort weg ist es ein knapper Kilometer zu Fuß bis zum Bad. Wir kapern dieses nachgerade, zwängen uns in die Neoprenanzüge und das bestmöglich im Schatten, wir zum Beispiel gleich neben der Sandkiste. Dort staunt eine Mutter mit Kleinkind, begleitet von einer weiteren jungen Frau, nicht schlecht. Ein Schwimmkollege sagt zwei Sätze dazu: der erste – „Keine Angst, wir sind in 45 Minuten alle weg“, der zweite – „Ja, wir haben alle ein bisserl einen Vogel!“ Beide Aussagen sind faktisch richtig.

Um 13:45 Uhr legen wir los, der Fuschlsee bleibt auf dieser Seite lang seicht. Erste markante Orientierungsmarke ist das Schloss zur rechten Seite. Es gibt keine Bojen, die Richtung ist klar, spannend wird, in Annäherung an Fuschl zu erkennen, wo Ausstieg und Zielbogen sind. Birgit und ich halten eine gleichmäßige Pace so um 2:13min bis 2:16min auf 100 Meter, eine gute Reisegeschwindigkeit für uns. Konstanz ist uns wichtig. Was haben wir von zu viel am Anfang der Strecke, wenn dies uns dann zuletzt jene Körner kostet, die wir am Schluss brauchen? Die Wassertemperatur ist ideal, 20,1 Grad wurden uns als aktuellstes Messergebnis mitgeteilt.

Nach gut 1,7 Kilometer will mich der begleitende Stand-up-Paddler mehr in der Seemitte haben und er bleibt hartnäckig in den Armbewegungen seiner Schwimmverkehrsregelung. Mich freut es zwar nicht wirklich, aber ich leiste Folge und ziehe ein wenig zur Mitte. Das ist der Moment, von dem an ich statt – wie üblich – zur rechten Seite neben Birgit vor ihr schwimme. Birgit sagte nachher dazu, ich war auch vor ihr ein guter pace-maker. Mir ist der Sichtkontakt zu ihr wichtig, So rotiere ich beim Atmen nach links etwas intensiver um meine Körperachse, um nach hinten sehen zu können, wie sie vorankommt. Diese Umordnung unserer Schwimmreise nach Fuschl brachte mit sich, dass die Achtsamkeit unter und für swim-buddies dem wich, was man „flow“ nennt, diese stille meditative Versenkung in den Sport, eine Leere im Gehirn, ein Rhythmus im Bewegungsablauf, frei von rationaler Steuerung, circa immer zehn Züge, dann das Heben des Kopfs für den Orientierungsblick nach vorne. Im letzten Drittel der Distanz setze ich mich in diesem Zustand ein paar Minuten von Birgit ab.

Der Veranstalter versteht es, die Athleten im Ziel willkommen zu heißen. Moderator Rudi, im Sprechduktus ein Zwilling von Matthias Strolz, macht ordentlich Stimmung, selbst für Schwimmer wie uns, die als „Spätberufene“ im Sport eine Stunde hinter der Siegerzeit bleiben und jene Plätze einnehmen, die jedes Rennen auch zu vergeben hat. Ich wurde in 1:48:42,7 Drittletzter, Birgit stieg als „final finisher“ mit 1:51:34,0 aus dem Wasser. Tina Turner sang dazu „Simply The Best“. Weil es wahr ist. Weil es heute einfach ganz leicht ging.

 

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