Musik

They really never left

Danny, der Musiker, der selbst Country spielt und sich als Fan von Bob Dylan deklariert, muss, wie wir aus seinen Erzählungen heraushören, heute 65 Jahre alt sein. In seiner Jugend schickte ein Musikmanager ihn und seine Band für zehn Tage nach Amsterdam für eine Club-Auftrittsserie. Daraus wurde ein vierjähriger Aufenthalt. Später dann verschlug es Danny zufällig für zwanzig Jahre nach New York. Dort lernte er seine Frau kennen. Die Rückkehr nach Liverpool: zufällig, sagt er. Seine Frau arbeitet heute in Liverpool in einem Plattenstudio, in dem sich Rihanna oder Coldplay die Türklinke in die Hand geben. Danny fährt uns am vergangenen Mittwoch während unseres Liverpool-Städtetrips im FabFourTaxi und seine Rolle als „driver“ ist wirklich nur der technische Part der Reise in die vierziger bis sechziger Jahre, als in den Stadtteilen Liverpools alles begann. Durch glückliche Zufälle, glückliche Begegnungen, eben „coincidences“, wie Danny das nennt. Nun gut, ein wenig Mythenbildung spielt auch mit. Die Spurensuche mit einem Guide, der von sich sagt, er kannte die Beatles nicht persönlich, aber Familienmitglieder und Freunde von ihnen, manche davon trifft er bis zum heutigen Tag immer wieder, ist eine Reise in Erzählungen, die die Sozialgeschichte von vier Familien und deren Söhne in den Fokus nimmt. Getragen wird dies von einer Haltung, die lebt, was vor dem im Dezember 2015 (Anlass war 50 Jahre letztes Konzert der Beatles in Liverpool, konkret im Empire Theatre) am Pier Head errichteten Denkmal in eine Bodenplatte graviert worden ist: „They never really left. They are synonymous with this city.“

Ein ehemaliges Pub nahe zu Ringo Starrs Wohnhaus wird zu einem Themenhotel umgebaut.

So arbeitet Danny, er trägt übrigens eine John-Lennon-Brille, heraus, dass der Erfolg nach der Amerikareise 1964 den Vieren zusetzte. Die hohe Popularität ließ nichts mehr zu, kein Flanieren auf der Straße, keinen Besuch im Pub, nichts. Sie saßen gefangen in Hotelzimmern oder auf Flughäfen und Songs wie „Penny Lane“ oder „Strawberry Fields Forever“ seien Ausdruck jener Sehnsucht nach den Umgebungen, in denen sie aufgewachsen sind, Kindheit und Jugend verbrachten.

Das Waisenhaus „Strawberry Field“ im viktorianischen Baustil, auf einer leichten Anhöhe, stand ja quasi rücklings zu jenem Wohnhaus, in dem Lennon bei Tante Mimi aufwuchs. Lennon spielte lieber mit den Kindern des Waisenhauses als mit jenen aus der Menlove Avenue. Danny zeigt auf seinem Tablet Schwarzweißfotografien des alten Gebäudes (es existiert seit langem nicht mehr, das Nachfolgergebäude riss man ab, zur Zeit wird ein modernes visitor centre errichtet) und parallel dazu dann das Dakota Building am New Yorker Central Park, Wohnstätte von John und Yoko und Ort seiner Ermordung. Die Ähnlichkeit der Baustile ist erdrückend. Danny: John hat sich in New York einen Wohnort gesucht, der ihn an seine Kindheit erinnert.

Auch über geheimnisvolle Theorien wird im Rahmen der Tour spekuliert. Auf dem Friedhof der St. Peter Parish Church im Stadtteil Woolton gibt es einen Grabstein mit dem Namen „Eleanor Rigby“. Jener Eleanor für den gleichnamigen Song? Danny sagt, „The Quarrymen“, also die von John Lennon gegründete Vorgängerband zu den Beatles, habe in der Nähe immer gespielt und „the boys hid themselves behind the tombstones“, um nicht vom Gehsteig aus gesehen zu werden, während sie rauchten oder das eine oder andere Bier tranken. Wie sie da hockten, muss sich John Lennon wegen „coincidences“ Name und Daten eingeprägt haben, sagt Danny, unter anderem wegen des „aged 44“, auch Lennons Mutter wurde nur 44 Jahre alt. Andere Quellen besagen allerdings, dass Lennons Anteil an diesem Song sehr gering gewesen sei. Weiß ich, sage aber nichts. Dannys Geschichte ist einfach zu schön. Die Tour lebt von ihr und ihresgleichen.

Vater-Tochter-Städtetrip nach Liverpool: mit dem FabFourTaxi auf den Spuren der Beatles

Vorm Haus der Familie Harrison, das auch heute noch bewohnt wird, sitzt im vor der Garage geparkten blauen Familienauto ein Skelett (!) auf dem Fahrersitz, seltsamer „coincidence“. Wer aufmerksam durch die Straßen einer Stadt geht oder geführt wird, erlebt vieles. In Liverpool auch, wie Songtexte lebendig werden: Das in „Penny Lane“ besungene Setting kann vor Ort nachvollzogen werden, „the banker with the motorcar“ genauso wie „the shelter in the middle of the roundabout“. Wie beginnt der Song gleich? „Penny Lane there is a barber showing photographs/Of every head he´s had the pleasure to know/And all the people that come and go/Stop and say “Hello””.

Den Barber gibt es immer noch. Natürlich waren wir kurz drin und sagten “Hello!”.

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