Politik

Die hundertjährige Republik, die aus dem Fenster stieg und verschwand

Du feierst Geburtstag, deinen hundertsten gar, in einer breiten Achtsamkeit, die der 12. November dir sonst gar nicht bietet. Deine Bevölkerung macht sich dein Geburtsdatum nicht bewusst, freut sich lieber am Tag des Beschlusses immerwährender Neutralität, am 26. Oktober, und vergisst im Regelfall darum, dass dein Geburtsschrei, die Ausrufung, im Kalender einen Festtag findet, der knapp zweieinhalb Wochen später liegt.

Einem Jubilar wie dir wird in diesen Tagen vor der Wiederkehr des Wiegenfests in schöner runder Zahl ein ganzes Leben vorgehalten und nacherzählt. Ja, du erlebtest Höhen wie Tiefen, die letzteren sind prägend und forderten dich in deinen ersten hundert Jahren. Von hoher Zeit, die längst vorüber sei, singt der Österreicher in seiner heimlichen Hymne „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich, von der Hölle, die du hinter dir hast, von wenig verbliebenem Ruhm und Glanz und auch davon, wer, ja, wer heute vor dir den Hut zieht. Und wie dieses Ziehen des Huts, nicht nur als Geste von Respekt, Gruß, wie es als Wink in deine Zukunft auszusehen hätte?

Unser Bundespräsident Alexander Van der Bellen fragte anlässlich des Nationalfeiertags 2018, wie du nach weiteren hundert Jahren aussehen würdest, und er versprühte Optimismus, lud zu Zuversicht ein und bat dabei um Handlungen und Verhalten, in Wachsamkeit gegenüber Gefahren, dazu zählte er: „Die Polarisierung und die Unversöhnlichkeit, die sich nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt breitmachen. Die Verächtlichmachung der Andersdenkenden, des Mitgefühls und der Mitmenschlichkeit. Ein dunkler Zukunftspessimismus. Die scheibchenweise Radikalisierung der Standpunkte. Das langsame Sich-Gewöhnen an Inakzeptables. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen. Lassen wir uns nicht einreden, Mitgefühl zu zeigen, sei weltfremd. Lassen wir uns nicht einreden, ausschließlich an sich selber zu denken sei das einzig Kluge, Realistische und die eigentlich wünschenswerte Norm. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Normen sich verschieben und wir stumpf werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Recht des Stärkeren das Maß aller Dinge wird.” (Quelle: APA/OTS0040, 26.10.2018, 11:30)

Auch der Politikberater Thomas Hofer machte sich über deine Zukunft Gedanken und stellte mehrere, wie er es nannte, Entscheidungsfragen für einen Fortbestand oder gar eine Reaktivierung der Demokratie, etwa jene, „ob wir wieder gemeinsame Orte der De-Eskalation schaffen können. Orte, an denen wir uns abweichende Meinungen wieder zumuten. Das Gebrüll in den unsozialen Netzwerken, mit Sozialem ist es da oft nicht weit her, unterstützt diesen Prozess nicht gerade. Und wenn vorgeblich zum Dialog einladende Plattformen wie Facebook oder Twitter zu zig Parallel-Monologen verleiten und zu Jahrmärkten der Seelenblähungen verkommen, ist das vielleicht unterhaltsam. Hilfreich ist es nicht.” Hofer sprach vor den Abgeordneten von National- und Bundesrat und appellierte an deren Führungskompetenz, an Agenda-Setting statt Agenda-Surfing als das, was du, Republik Österreich, an der Schwelle in dein nächstes Jahrhundert brauchst. Hofer sagte es mit Max Weber: „Alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre.“

Wir wissen, das erwartest du dir von uns. Was wäre, wenn wir es dir nicht bieten? Stiegest du aus dem Fenster? Verschwändest du?

Wir müssen dich davon abhalten. Wir werden dich davon abhalten. In diesem Sinn, liebe Republik Österreich: ad multos annos!

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