Literatur

Lesenswerte Stadt

Sachdienlicher Hinweis an einem Café in Graz

Der australische Computerkünstler Jeffrey Shaw lud uns Ende der achtziger Jahre dazu ein, auf einem Hometrainer vor einer Leinwand wie ein Hamster (in diesem Fall nicht im, sondern) am Rad Häuserzeilen aus Buchstaben, Wörtern, Sätzen, Texten entlangzufahren. Unterwegs in dieser „Legible City“ erschloss sich die Utopie einer aus Literatur errichteten Stadt, einer virtuellen Stadt, die sich erzählt.

Natürlich sind im realen Raum die Einschreibungen in einer Stadt auch im ganz analogen Medium geblieben, Graffitis, Hinweisschilder, Zitate auf Gedenktafeln. Buchstabenplatten, wie in ein riesiges Scrabble gelegt, schreiben in Berlin am Haus Alexanderplatz 6 die Erinnerung an Alfred Döblins großen Roman in den urbanen Raum ein, auch wenn der Platz seine architektonische Gestalt aus Döblins Zeiten längst verloren hat.

Schrift im öffentlichen Raum entfaltet Wirksamkeiten, mithin obskure, etwa dann, wenn sich ein Magistratsbediensteter für seinen Verdienst den eigenen Familiennamen ins Kopfsteinpflaster des gerade umgebauten Stadtplatzes in Steyr (Oberösterreich) legen lässt. Die Entfernung erfolgte bereits, der Mann muss aus privater Tasche für diese Bauarbeiten aufkommen. Wäre es doch nur der Marketing-Gag gewesen, als welcher die hochmütige Aktion weithin im deutschsprachigen Raum medial Resonanz erhalten hatte!

Schrift und ihre Semantik im städtischen Raum faszinieren mich seit jeher und so lese ich mich, ganz ohne Installation nach Jeffrey Shaw und sehr gerne auch im Verzicht auf die flüchtigen Botschaften, wie sie auf Leinwänden oder Monitoren leuchten, also ganz und gar in realer Wirklichkeit, während meines Flanierens durch Städte.

Ein Kurzaufenthalt vor einer Woche ließ das Experiment zuletzt in Graz zu. Ich präsentiere ein kleines Best-of in Bildern, erkläre ergänzend nur, dass das Graffiti zur Dominanz der Abrissbirne in der Stadt der Haltung jener Stadtpolitik geschuldet ist, die ihren Erfolg in einer riesigen Zahl neu gegossener Betonkubikmeter misst.

An der Fachhochschule rauchen zwar nur die Köpfe, zwanzig Meter daneben sehr wohl die gestressten Studierenden ihre Zigaretten.

Und zu einem Verkehrsschild habe ich kein Bild, weil ich nicht in Schwierigkeiten mit einer großen österreichischen Lebensmittelkette geraten möchte, wenn ich dokumentiert hätte, was das Zusatzschild unter der seitlich zum Marktstandort angebrachten Halte- und Parkverbotszone erlaubte: „Ausgenommen Giftmüllexpress“ stand auf diesem geschrieben. Bleiben nur zwei Fragen: Liefert der Express an? Oder holt er ab?

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