So ein Dienstag wie der der eben zu Ende gegangenen Woche kann auch zeigen, woran es in Oberösterreichs Landeshauptstadt so richtig krankt. Zu Beginn der zweiten Nachmittagshälfte geht verkehrstechnisch im erweiterten Zentrumsraum nichts mehr. Es ist ärger denn je. Alles steht mehr, als es fährt. Dieses Verb beschönigt, besser also: rollt. Dabei werden die neuen Leidenschaften mancher im Individualverkehr sichtbar. Sie heißen Vorrangraub für den Sieg von wenigen Metern, die man sich vor einem oder gar einem zweiten Fahrzeug in den Stau einreiht. Eine andere leben viele aus, wenn sie ihre Fahrzeuge schon noch in die Kreuzungsmitte stellen, auch wenn die erwartbaren Minimalbewegungen der Blechschlange sicher keinen Platz öffnen, um die Kreuzung freimachen zu können. Damit ist dann auch alles, was quer zu dieser Verkehrsbewegung übersetzen möchte, zum Stillstand verdammt. Vom Menschen (am Steuer) verursachter Blödsinn verbündet sich mit jahrzehntelangen Versäumnissen von Mobilitätsentwicklung in der Stadt.
Die Herzallerliebste meinte in ihrer Diagnostik zum Dienstag nur: „Das war das Fußballspiel, da steht in Linz dann immer alles!“ Ich hielt mit dem viel zu frühen Zeitpunkt des Chaos im Verhältnis zum Anpfiff (Champions League, der bessere der beiden Stadtvereine besiegte den slowakischen Meister mit 4:0) dagegen. Sie (Wiedergabe hier in einem blog-tauglichen Narrativ): „Die wärmen sich doch alle zuvor auf, bevor sie zum Match gehen.“
Ihre Theorie, also anreisende Fußballfans im „Warm-Up“ legen Stadt lahm, fiel 24 Stunden später in sich zusammen. In etwa gleiche Zeit, gleiche Situation. Ich als Proband befinde mich da nicht am Lenkrad meines Wagens, sondern als Fahrgast im öffentlichen Verkehr. Die Linie nennt sich Schnellbus, wiederum beschönigend, und sie verbindet meinen Arbeitsplatz in vier Stationen und eigentlich wenigen Minuten mit dem Hauptbahnhof. Doch der Bus steckt ebenso im Stau, denn Busspuren gibt es nur eingeschränkt bzw. ist überhaupt der Platz für Fortbewegung in Linz zurzeit in einem Ausmaß reduziert wie kaum mit früheren Situationen vergleichbar.
Es sind die Baustellen, die in den Raum greifen und die Zonen des Fahrens reduzieren. Es wird gebaut, in den Augen der Bosse dieser Branche müssen die Euro-Zeichen nur so erstrahlen. Allein im 100-Meter-Luftlinie-Kreis rund um unsere Schule hat sich ein Sportplatz in eine umgegrabene Brache verwandelt, kraxeln zwei Raupenbagger durch einen ehemaligen Kinderspielplatz, und zwar so, dass die passierende Obuslinie sowie alles von bzw. zum Kepler Universitätsklinikum Linz von einem dafür abgestellten Bauarbeiter für bestmögliches Vorbeikommen geregelt werden muss. Und hinter einer Tankstelle schürfen sich die Stadtbetriebe für Fernkälte (als Coup gegen die Hitzewellen) in den Untergrund. Das tun sie noch an anderen Stellen der Stadt, an einer am Volksgarten sogar mit der Aussicht auf zwei(!) Jahre(!) Bauzeit. Die dadurch patt gesetzten Handelsbetriebe an allen betroffenen Straßen- und Kreuzungslagen beschweren sich über Wirtschaftsfeindlichkeit mit Konkursgarantie.
Das ginge doch alles anders. Nein, nicht mit dieser Stadtpolitik: Die hat auf ihren Planungsagenden den Straßenbau ganz weit oben. Der Westring, gerade wieder einmal um einen satten 120-Millionen- Euro-Betrag teurer geworden (inflationsbedingt heißt es! Land und Stadt zahlen da fleißig nun noch mehr mit!), bleibt hier nicht allein. Man erträumt sich auch noch eine Ostumfahrung, der Fehleinschätzung aufsitzend, dass mehr Straßen entlasten. Dabei schiebt so ein erweitertes Straßenangebot den gegenteiligen Effekt an.
Man möchte meinen, dieses Wissen sei verbreitet und auch den gewählten Führungsköpfen bekannt, denn in Analysen von Verkehrssituationen sind sie in Folge beauftragter Expertisen stark, beispielsweise rund um das Nadelöhr Mona-Lisa-Tunnel, Engpass des Eingangs nach Linz vom Süden her. Da weiß man, dass die Kreuzung Lunzerstraße den Stau produziert. Man weiß es seit Jahren. Und tut ebenso seit Jahren nichts dagegen.
Apropos Ampeln: Ich bin schon wirklich weit herumgekommen und kenne keine Stadt außer meine Geburtsstadt, deren Ampelschaltungen zueinander so schlecht sind, dass in den viel zu kleinen Sammelräumen zwischen den Ampeln die hohe Frequenz an Verkehr diesen ins Stocken bringt. In einer Stadt, die sich rühmt, in Sachen IT-Entwicklung ganz vorne mitzuspielen, ist unbegreiflich, dass man sich hier nicht längst auf ein telematisches Ampelsteuerungssystem größeren Stils eingelassen hat. Zuletzt erlebte ich ein solches im Sommer in meiner Heimatstadt Steyr bei einem vielleicht 200 Meter langen Baustellenabschnitt, in dem Fernwärmerohre neu verlegt worden sind. Die dadurch bedingte Einspurigkeit regelten Kameraaugen an Ampeln, die ihre Schaltzeiten nach Verkehrsaufkommen regulierten.
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