Am Tiroler Landestheater spielt man seit 24. Jänner 2026 „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard, sein letztes Theaterstück, 1988 am Burgtheater in Wien uraufgeführt. Anlass für das Auftragswerk bot damals das Gedenkjahr 50 Jahre Anschluss von Österreich. Die Umstände der Uraufführung sind mir in bester Erinnerung, ich war sehr nahe an ihr dran.
Ich stolperte rund um die Innsbrucker Premiere über eine kleine schreckliche Auffälligkeit, Mira Lu Kovacs sei Dank. Zu ihrer eigenen Beteiligung als Bühnenmusikerin bei „Heldenplatz“ postete sie ein Foto des Skripts zum Text, mit dem hier gearbeitet wurde: Unterm Haupttitel steht „mit Texten von Elias Hirschl“. „Nein, nicht!“, schrie die innere Stimme von mir Thomas-Bernhard-Fan, sie protestierte gegen diese lästige Mode eines Hinein-, eines Um-, eines Weiterschreibens durch (in meinen Augen unbedarfte) Autorinnen- und Autorenjugend in Werke von Rang und Gültigkeit; Werke, die sich Jahrzehnte (auch Jahrhunderte, siehe übernächster Absatz) behauptet haben. Da fährt, bitte, niemand Trittbrett!
Elias Hirschl. Ich habe noch nichts von ihm gelesen. Lieblinge des hochtourig laufenden Buch-Marketings müssen sich sehr lange gedulden, bis ihre Texte oder Bücher (vielleicht einmal) vor meinen Augen landen. Ich lebe in einem Verhältnis indirekter Proportionalität: Je intensiver die Werbemaschinerie, die da angeworfen wird, der Masse einen Autor und sein(e) Werk(e) einpeitscht, umso träger wird mein Rezeptionswille. Elias Hirschl rutscht auf die lange Bank des Aufschubs. Ich fahre gut mit Prokrastination als Mittel, Literatur-Popstars auf Distanz zu halten. Ihn, Jahrgang 1994, ließ man Texte über Sorgen für einen Bürgerinnen- und Bürgerchor in „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard hineinschreiben.
Nicht anders verhält es sich bei einer „Woyzeck“-Inszenierung, Premiere in zwei Wochen am Landestheater Linz (Oberösterreich), ja, Dramenfragment von Georg Büchner, und dahinter wird angekündigt „mit einer Ergänzung von Gerhild Steinbuch“. „Nein, nicht!“, ruft meine innere Literaturwissenschaftlerstimme wiederum. Frau Steinbuch hat Szenisches Schreiben studiert und Dramaturgie, lese ich in ihrer Biographie und empfinde schon darin ihre Schreibhandlung als anmaßend gegenüber Büchner, dessen Fragment „Woyzeck“ Laufmeter von Sekundärliteratur produziert hat, in der wissenschaftlich zu klären versucht wird, warum es eben Fragment geblieben ist. Es ist Büchner, immer, weiterhin; niemals Büchner/Steinbuch. Es steht niemandem zu, (sich) hier zu ergänzen. Selbst die Klugheit akademisch geprüfter Befähigung erlaubt nicht, Büchner ausdeuten, lösen, vervollständigen zu können. Das Werk (Weltliteratur!) ist unantastbar, es ist Büchner, es ist Woyzeck.
Erben von Georg Büchner können sich dagegen nicht wehren, das Urheberrecht greift hier nicht mehr. Jene von Thomas Bernhard könnten es schon. Dass das Hineinschreiben in dramatische Werke – eigentlich – den Verlagen, die diese Werke und ihre Aufführungsrechte vertreten und schützen, vorzulegen ist, sollte nicht nur guter Anstand sein, Nutzungsverträge schreiben es vor. Wie ernst die Regel genommen wird, war aber zum Beispiel am Landestheater Linz vor gut einem Jahr kennen zu lernen. Eine grobe Verfremdung in Yasmina Rezas „James Brown trug Lockenwickler“ blieb dem Verlag unbekannt. Sie flog auf, damit auch das Theater in seiner Nachlässigkeit und die Inszenierung sodann rasch aus dem Spielplan.
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