Soziales Handeln

Privatbesitz

Die Verhüttelung der Seeufer in Österreich, gemeint: die zunehmende Aneinanderreihung von Privatstränden und damit die Beschränkung des freien Zugangs zum Wasser, ist auch 2022 ein beliebtes Sommerthema. Hierzulande soll es wieder stärker in die Richtung mehr Zugang für die Allgemeinheit gehen. Slowenien, dort der Bohinjsko jezero (Wocheiner See), könnte als Vorbild dienen, denn zum 4,1km langen und bis zu 1,2km breiten See ist der Zutritt rundherum frei. Spannend bleibt allerdings, wie man zu diesem Musterbeispiel von – die Schweden würden vielleicht sagen: „allemansrätten“ (Recht der Öffentlichkeit) – für Entspannung und allfällige Wassersportarten kommt, nämlich nur durch bestimmte Korridore, die einen durch den in privaten Händen gehaltenen Landstreifen rund um den See lassen.

Dass es dabei Schwierigkeiten zwischen Landwirtschaft, Hauseigentümer mit zugehörigem (nicht wirklich als privat erkennbaren) Grünland und dem Tourismus gibt, liegt auf der Hand. Man kann es auch erleben, so wie wir in unserem Urlaub. Von unserem Apartment aus, Fußweg zum See eine gute Viertelstunde, erstreckte sich in der direkten Verbindung zum See ein Wiesenstück unterhalb. Ein gut ausgetretener Weg zeigte an, dass dieser gern und oft benutzt wird. Begrenzt wird besagte Wiese dann durch einen hölzernen Zaun, an dem in Dreisprachigkeit („lake – See – jezero“) auf einem Schild die Gehrichtung nach rechts angezeigt ist. Denn nebenan sagt ein weiteres Schild „private property“ an: Was nun anschließt, darf nicht betreten werden. Die Umleitung nach rechts ließ bei einer der für die nordslowenische Landschaft typischen Vorrichtungen zum Heutrocknen durch eine Buschzeile hinauswechseln auf eine Forststraße, die wiederum in einen Weg mündete, der ganz offiziell Korridorfunktion für den Seezugang hatte.

Es sah also alles gut und logisch aus, bis wir eines Morgens kraft geschulterten Gepäcks gut als Badegäste identifizierbar an der Kuppe zum vermeintlich dem Apartmenthaus angeschlossenen Wiesenstück erschienen und den Bauer sein Mähtagwerk verrichten sahen. Sein Fingerzeig aus dem Führerhaus des Traktors war schon eindeutig ein Verbot. Er kletterte dann auch gerne herab, aus der Hitze hinter dem Lenkrad, eine Schweißflut auf seiner Stirn, und bewies seine Englischkenntnisse im wiederholten „private property!“. Mein Hinweis, was darum das Schild da unten am Zaun dann zu bedeuten habe, war ihm herzlich egal. Zurückverwiesen an die Rezeption erlebten wir eine höfliche Beschreibung einer ganz beträchtlichen Wegschleife über Zufahrt und einen Parkplatz einen halben Kilometer südlich. Attraktiver und kürzer war der Weg durchs Dorf zum ganz offiziellen, auch so ausgeschilderten Fußweg von Stara Fušina zum See.

Nur damit es nicht missverständlich wird: Wir sind die letzten, denen hier ein paar Schritte mehr Probleme bereiten würden. Und wir haben uns fortan auch Hitze und Tagesgepäcklast zum Trotz sportlich der erweiterten Wanderung gestellt, sehr allein dabei, die Herde der Mit-Gäste unserer Unterkunft trottete weiterhin direkt zum See! Wir achten gern landwirtschaftliche Interessen an der Wiese, vor allem auch und erst recht in einer Unterkunft, in der Freund Hund des Menschen sehr willkommen ist. Ab und zu muss der auch etwas aus seinem Hinterteil herausfallen lassen, was wiederum kein Landwirt in seinem in diesem dürren Sommer 2022 ohnedies kargen Heufutter fürs Milchvieh haben möchte.

So öffentlich sich also das Ufer des wunderbaren Bohinjsko jezero seinen Gästen präsentiert, als Teil des Triglav Nationalparks bewandert man das Nordufer über eine dieser typischen Schwellen, die Almwirtschaft markieren, Metallstreben, die den Hufen der Kuh nicht zulassen, hier Reißaus zu nehmen. Das Schild „bikes not allowed“ hat dort wohl nur Schmuckcharakter, wie alle beweisen, die sich auf Drahtesel das Zu-Fuß-Gehen ersparen wollen und sich ihr Recht, in die Alm einzufahren, einfach nehmen. In den kleinen Oasen am See selbst, so etwas wie „Natur-Strandkörbe“, zieht dann Tag für Tag das Privatisierungsgefühl des Strands für sich und seine Liebsten auf Zeit ein, teilweise sogar von so einem intensiven Gefühl getragen, dass die, die sich hier zur Rast niederlassen, sich aller Hüllen entledigen, gut und unfreiwillig sichtbar für alle, die die nächsten fünfzig Meter gen West oder Ost ruhen, baden, schwimmen. Man würde meinen können, dass am Bohinjsko jezero ein Signal aus vergangenen Zeiten in die Gegenwart findet, ein temporärer Besitzanspruch im gelebten Statement für Freikörperkultur. Hier gehört es nun mir, hier bin ich, und zwar nackt. Textillos und vermeintlich unter sich stellt man schon einen starken Anspruch auf den temporären Status „Privatbesitz“.

Dass hier ein für alle verfügbares Seeufer Spielplatz für seltsame Aneignungsrituale wird, lässt sich als Facette des menschlichen Okkupationsverhaltens im Urlaub einordnen, im Gerangel um Ruhe, Sonne und Nähe zum Wasser, hier in der Version des von der Natur gegebenen Badeplatzes. Bekanntlich privatisiert an Pools von Hotelanlagen ja das spätestens mit Sonnenaufgang ausgelegte Handtuch auf der Liege das persönliche Erholungshabitat.

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