Zur Neuproduktion von Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ an den Kammerspielen des Landestheaters Linz (Oberösterreich) – Premiere war am vergangenen Freitag – sage ich: Sie gefiel mir nicht. Grund? In einem Satz geschrieben: Nicht jede bunte Idee, die man „kreativ“ hat, beglückt die Deutung eines Texts, einer Geschichte, einer Aussage, nur weil die Werkstätten eines Theaters die Realisierung (je)der Idee schaffen.
Ich beginne beim Schlussapplaus. Da mischten sich meiner Meinung nach „die Schwarzen“ (Theater-Slang für den Stab, also Regie, Bühnenbild, Kostüm, Musik) viel zu rasch unter ihr Schauspielensemble, um im Beifall zu baden. Der Regisseur – er heißt Joachim Gottfried Goller – grinste breit wie ein Honigkuchenpferd. Und ich begann für mich zu deuten weswegen: Diebische Freude am vollbrachten Werk? Gelungene (billige) Provokation? Stolz auf die Verniedlichung von Horváths Text, dem er das ganze(!) fünfte Bild auf vielleicht Dialog in Sätzen, zählbar an den Fingern einer Hand, zusammenstrich?
Goller legt Horváths Aussage, dass alle seine Stücke Tragödien sind, die nur darin komisch werden, weil sie unheimlich sind, so aus, dass er diese Unheimlichkeit mit Ausstattungs-Tand erzeugt, etwa einer Wasseroberfläche, aufgerichtet zu einer Art Halfpipe, von deren oberer Kante alle Figuren irgendwann einmal hinunterrutschen oder -kullern müssen bzw. sich dem Sport durch Anlauf nach oben, um diese Kante wieder zu erreichen, hinzugeben haben. Sind wir hier bei „Ninja Warrior“? Die Schupos reiten ihre Pferdestecken, das quittiert das Publikum freundlich lachend. Ebenso Joachims (der tollkühne Lebensretter) Hüpfen mit der leeren aufgeschnittenen Semmel, um das riesige leuchtende Mortadella-Wurstblatt in diese hineinzubekommen. Um solchen Slapstick kann und darf es bei Horváth nicht gehen.
Das Einschneidende seiner Sprache, herausgehoben, hingestellt durch die berühmte „Stille“ (in den szenischen Anmerkungen von Horváth festgeschrieben wie eine Pause in einem Musikstück) verstärkt die Bedeutung der Sätze, die vordergründige Freundlichkeit als Maske des durchtriebenen Agitierens gegen die Frau, hier in „Glaube Liebe Hoffnung“ Elisabeth. So brennt sich uns im Publikum dies in unsere Gedächtnisse. Denn darin legt sich eine Fallgeschichte aus wie jene dieser jungen Frau, Horváth schrieb gemeinsam mit Lukas Kristl, einem Gerichtssaalreporter. Elisabeth braucht Geld und möchte ihren Körper schon vor ihrem Tod an das anatomische Institut verkaufen. Es ist ein sozialer Kreuzweg, den sie beschreitet, egoistische Männer kicken sie weiter, sie spielen ihr Liebe vor– „am größten unter den dreien“, so steht es im Korintherbrief, aus dem der Titel für den Totentanz entlehnt ist. Die Liebe funktioniert zweckbestimmt für die Männer, für Elisabeth führt sie in den Tod.
Goller schickt noch eine Live-Musikerin in seine Inszenierung, als „Die Andere“ (Borcherts „Draußen vor der Tür“ grüßt! Warum?), aber daraus wächst weder für die Interpretation der Hauptfigur etwas heran noch gibt es musikalisch irgendetwas her, die Melodien auf der E-Gitarre und auch der Gesang fallen bescheiden aus.
Julia Neuhold ersann Bühne und Kostüme für zähe neunzig Minuten eines gesamtverantwortlichen Regisseurs im Bebilderungsrausch, beispielsweise eine Seerosenlandschaft als Elisabeths möbliertes Zimmer. Bairische Trachtigkeit spielt stark in die Kostüme herein.
Bleibt nur, der Freude Ausdruck zu geben, dass Lorena Emmi Mayer (nach Mutterpause) mit einer starken Interpretation der Elisabeth auf die Bühne zurückkehrt und um sich ein Ensemble weiß, das all den Ideen des Herrn Goller pflichtbewusst folgt und dient. Mehr ist es nicht: Man wird diese Inszenierung sehr rasch vergessen können, dürfen und müssen.
Bild: zwischendrin einmal Partyexzess aller Figuren, links oben leuchtet Mortadella – „Glaube Liebe Hoffnung“ – Foto by Petra Moser, mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz
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