Ich habe nochmals nachgelesen, was Jimmy Kimmel in seiner Late Night Show gesagt hat, bevor ihm ABC den Kanal freier Meinungsäußerung genommen hat (ein Dank an die solide Quelle derstandard.at!). Ich fasse zusammen: Kimmel äußerte, dass die „MAGA Gang“ verzweifelt versuche, den mutmaßlichen Mörder von Charlie Kirk nicht „als einen von ihnen“ erscheinen zu lassen. Dann ging es um Trauer, um Fahnen auf halbmast am Weißen Haus, eine Überleitung zur Zuspielung eines Interviewausschnitts mit Mister President. Der Journalist fragt, wie Trump die Trauer ausgehalten habe. Trump sagt: „Ich glaube, sehr gut“, dann wechselt er das Thema, Bauvorhaben Ballsaal im Weißen Haus.
Kimmel danach: „Ja, er befindet sich in der vierten Phase der Trauer: Bauarbeiten, Abriss, Neubau – so trauert kein Erwachsener um den Mord an jemandem, den er einen Freund genannt hat. So trauert ein Vierjähriger um einen Goldfisch.“ Es folgt noch ein TV-Ausschnitt, Trump erzählt wieder über den Ballsaalbau, und dass dann jemand hereinkam und sagte: „Charlie Kirk ist tot.“ Kimmel erzählt kurz nach, dass es um Kron- und Wandleuchter geht, und merkt dann an, dass mit ihm (Trump) etwas nicht stimme: „Wer denkt so?“ Dann kondoliert Kimmel der Familie Kirks und verurteilt Gewalt. Es folgt die rhetorische Frage, warum ein Ballsaal ins Weiße Haus gebaut wird, Kimmel interpretiert ein Ablenkungsmanöver, vielleicht von der Epstein-Liste. Und er übertreibt, dass bis zum Amtszeitende das Weiße Haus Spielautomaten und eine Wasserrutsche haben werde.
Das alles stellt jenes „belastende“ Material dar, in Folge dessen Kimmel von ABC mundtot gemacht worden ist. Für gut eine Woche: Am vergangenen Dienstag kehrte seine Show zurück.
Satire ist freilich immer Grenzgang und die, die sie betreiben, wissen das. Doch hat Satire für die Öffentlichkeit einige sehr wichtige Funktionen, zuallererst die, laut zu sagen, was viele denken. Satire tut das nie, ohne Faktenlagen aus den Augen zu verlieren. Beispiel: All das, was man zum Zeitpunkt 15. September über den mutmaßlichen Täter wusste, legte vielen den Gedanken nahe, den Kimmel aussprach: Der ist einer von ihnen. Ganz sicher gehört er nicht jener anderen Seite an, gegen die in Folge des Attentats zum Halali geblasen worden ist.
Satire hat die Aufgabe durch Aussprechen von solchen Zusammenhängen, Druck, der sich in der Gesellschaft aufgebaut hat, abzulassen, Lachen hilft dabei ungemein. Überhöhungen von Verhaltensauffälligkeiten, gerade von Personen der Öffentlichkeit, gerade von jenen in Aufgaben, zu denen (eigentlich) ein bestimmtes professionelles behavior gehört, bieten Stoff für Satire, wiederum, weil Unbedarftheit von Amtsträgern irritiert, weil möglicherweise gezielt strategische Kommunikation den Leuten den Atem stocken lässt. Satire spricht das an, öffnet das Ventil und lässt den Druck ab. Natürlich pfeift es da aus diesem Kelomat. Der Vergleich, ein Stilmittel von wunderbarer Harmlosigkeit, konkret der traurige Vierjährige vorm Aquarium, in dem der Goldfisch mit dem Bauch nach oben schwimmt, schafft ein doch sehr versöhnliches Bild.
Bewundernswert ist, dass das Team von Kimmels Show nicht nur auf einen Beleg, sondern auf zwei Quellen setzt, dass das Skript die rhetorische Frage „Wer denkt so?“ bringt, dass Kimmel die Trauerfamilie nicht vergisst, dass er Gewalt verurteilt. Und danach macht er nichts anderes als viele Comedians, er bleibt im Muster und am Gag, wiederholt ihn, aber nicht wortwörtlich, sondern er entwickelt ihn weiter. Da steckt auch Dramaturgie darin, dass, wer beim ersten Mal mit der Eile der gesprochenen Worte nicht mitgekommen sein mag, seine zweite Chance zu lachen erhält.
Wir reden also gewiss nicht darüber, was Satire leisten darf, sondern was sie leisten muss: Da geht es auch um Formen mentaler und psychischer Gesundheit, Ent- statt Belastung. Wir brauchen das im Druckkochtopf unserer Gegenwart täglich.
Foto: Pexels/Free Photo Library (Suche nach „speech“: Die Freiheit der Meinung braucht den kräftigen Griff zum Mikrofon)
