Medien

Was wir viel eher wissen sollten

Vor etwas mehr als einem halben Jahr las man an dieser Stelle von der Tugend von Berichterstattung, basierend auf gesicherten Fakten. Seit der schrecklichen Tat im Bundesoberstufengymnasium Dreierschützengasse in Graz am vergangenen Dienstag sind wenige Tage vergangen. Seither geht die gesamte Medienwelt (Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet) über und die Übung für uns alle besteht darin, gut unterscheiden zu können, was faktisch richtig berichtet wird und was andere Bedürfnisse anheizend fiktional, erfunden, konstruiert und also falsch (als fake) lanciert wird.

Ich hinterfrage den aktuellen Schwerpunkt der Medien, die Spuren des Täters, die er auf social media gesetzt und hinterlassen hat, nachzuerzählen. Denn darin sehe ich eine Absicht des Täters realisiert. Er schrieb das Drehbuch dafür, wie die Öffentlichkeit ihm und seinem Verbrechen Aufmerksamkeit widmen muss. Die Öffentlichkeit folgt diesem Drehbuch exakt. Jede Form von Terror arbeitet mit der Okkupation von Öffentlichkeit, „die Taktik […] besteht darin, einen Realitätsexzess zu provozieren und das System unter diesem Exzess zusammenbrechen zu lassen“, so lese ich es auf Seite 22 von Jean Baudrillards „Der Geist des Terrorismus“ nach, in einem schmalen Buch, 2002 erschienen, man muss es wieder zur Hand nehmen. Uns dieser Handlungslogik zu entziehen, haben wir in knapp zweieinhalb Jahrzehnten noch immer nicht gelernt.

Wir wollen wissen, was geschehen ist: in Rekonstruktion. Irgendwie funktioniert das wie bei einem Zaubertrick. Die Informationen, die gegeben werden – wer war der junge Mann?, wie sah er aus?, wie handelte er? – kurzum: die Nacherzählung des Tathergangs entwickelt ein Faszinosum, eine Verblendung, die uns alles rundherum nicht mehr wahrnehmen lässt (der Coup jedes Zaubertricks).

Was wir viel eher wissen sollten, ist beispielsweise, aus welchen Gründen wirklich der junge Mann vor drei Jahren die Schullaufbahn abgebrochen und was er dann in Folge getan hat: War er in Ausbildung? Wenn ja, wo? Wenn nein, warum nicht? Jobbte er? Ging er einer Erwerbstätigkeit nach? Wenn nicht, woher sonst rührte sein Lebensunterhalt? Wo verkehrte er? Wie verbrachte er seinen Tag, seine Woche, seinen Monat, sein Jahr, seine Jahre? Am Computer zu spielen und an e-games-Veranstaltungen erfolgreich teilzunehmen (wie die Salzburger Nachrichten in ihrer Samstagsausgabe vom 14. Juni 2025 berichten), mögen wohl nicht eine das Leben eines jungen Erwachsenen gänzlich erfüllende Beschäftigung abgegeben haben.

Denn wenn wir auf diese (noch unbekannten) Fakten schauen und sie analysieren, stellt sich unsere Gesellschaft der eigentlichen Problematik, nämlich der, was sich in Österreich, in einem wohlhabenden Land mit Reichtum an sozialer Fürsorge, zugetragen hat, dass hier ein junges Leben einen Weg genommen hat, der dazu geführt hat, extreme Gewalt auszuüben und schlussendlich auch gegen sich selbst zu richten.

Zu den geplanten Maßnahmen, die die Bundesregierung nun ankündigt, darunter die Verschärfung des Waffengesetzes (warum nicht ein Waffenverbot für alle Privatpersonen?), zählen auch, wie ich am Samstagmorgen den Bundeskanzler in den Radionachrichten ankündigen hörte, verpflichtende Gespräche mit Schulabbrechern. Diese Ankündigung verdutzte mich: In meiner Schulleitungsarbeit ist dies seit eh und je Standard. Ich weiß um genug Kolleginnen und Kollegen, die ebenso handeln.

Die Maßnahme, die vorerst im rasch zusammengestellten Handlungspaket der Regierung noch fehlt, ist das Herausnehmen der Altersschranke von 18 im Ausbildungspflichtgesetz. Bis zum vollendeten 18. Lebensjahr haben in Österreich Staat und Organisationen ein kontrolliertes Schauen auf Lebens- und Ausbildungswege von Jugendlichen, dies seit gut einem Jahrzehnt und in Folge einer empirischen Untersuchung 2013, derzufolge damals an die 70.000(!) Jugendliche nicht verortbar waren, weder in der Schule noch an Lehrplätzen oder in anderen Ausbildungsmaßnahmen.

Dass eine Gesellschaft, in der Bildungslaufbahnen vielfältiger werden, Alterskohorten in Schulstufen darum auch heterogener, länger hinsehen muss, liegt eigentlich klar auf der Hand. Also nicht bis 18, sondern altersunabhängig bis zum Zeitpunkt eines Ausbildungsabschlusses und auch einer angenommenen Erwerbstätigkeit.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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