Theater

Dann spielt das Leben mit einem Rodeo

Wie nur, denkt man sich spätestens nach diesen famosen neunzig Minuten der Inszenierung von Michel Marc Bouchards „Tom auf dem Lande“ (deutsch von Frank Heibert) am Landestheater Linz (Oberösterreich), sehen szenische Lösungen an anderen Bühnen aus? Die nicht mit Verve alle möglichen Zeichen am Theater so glückend ineinandergreifen lassen? Wenn gar „Realismus“ pur übernimmt, also der Dialog in den Vordergrund rückt: Trägt das dann auch?

In Linz macht man es genial anders. Hier sprechen die Körper der Schauspieler in Bewegungsabläufen und Tänzen (Choreographie: Andressa Miyazato) ausführlich miteinander. Die Spritztour auf den Motorrädern, die Guillaume das junge Leben kostet, kommt als Line Dance der fünf auf der Bühne daher, mit ihren neongelb leuchtenden Sturzhelmen. Die Story des Kanadiers Bouchard: Tom geht aufs Land, zum Begräbnis seines Geliebten Guillaume. Von der homosexuellen Beziehung der beiden darf dort niemand wissen, die Mutter vor allem nicht. Guillaumes Bruder erhöht den Druck auf Tom zu schweigen gewalt(tät)ig, aus gutem Grund, wie man erfahren wird. Und auch eigentlich wieder nicht.

Schauspieler Daniel Klausner (Tom) hatte die Idee, das Stück in den Spielplan zu bringen; in Umkehrung der eigenen Erfahrung, mit der er in verschiedenen Interviews nicht hintanhielt. Aus einer kleinen Gemeinde in Tirol gebürtig ging er nach Entdeckung seiner Homosexualität in die dörfliche Öffentlichkeit. Natürlich wurde geredet, das Schmähwort ihm nachgeworfen. Doch als Stürmer des lokalen Fußballvereins sorgte er für die Tore, da wird geschlechtliche Orientierung sekundär, beliebig im Sinn von Toleranz, so wie es sein soll. Klausner ging weg, als Figur Tom geht er zurück aufs Land, untersucht in diese „andere Welt“ eintretend die Herkunft des geliebten, tödlich verunglückten Partners, den Regisseurin Sara Ostertag mit ihrem rein weiblichen Stab in einer sonst rein männlich besetzten Inszenierung auftreten lässt: als Tänzer. Jonatan Salgado Romero spricht mit seinem Körper die verschiedenen „Texte“ Guillaumes, die der Autor nicht formuliert hat, die Inszenierung aber gefühlvoll ergänzen, die Liebe, das Versteckspiel, den Abschied (wenn der Körper Guillaumes an den Fußfesseln vom Schnürboden herabgelassen Tom auf den Schoß gelegt wird) oder den Verrat (hatte Guillaume etwas mit Sara, die als Referenz-Freundin ins Dorf zitiert wird? Markus Ransmayr macht diese Szene als Sara zu einer intensiven Studie). Klaus Müller-Beck zeigt die Bäuerin, Guillaumes Mutter, als Patronin im trauernden Schwarz hält sie den Schutz der verletzten Privatsphäre aufrecht, funktioniert gemäß Protokoll, was für die Trauerfeierlichkeiten vorzusehen ist, auch sie hat ein Geheimnis zu enthüllen. Florian Haslinger ist als älterer Sohn, der den schwierig zu erhaltenden Bauernhof führt, Cowboy. Mit Chaps im Kostüm (alle entworfen von Prisca Baumann) packt er „Stier“ Tom an seinen Hörnern, sinngemäß.

Im Bühnenbild von Nanna Neudeck steht dafür zentral eine Rodeo-Maschine, das rote Sicherheitspolster rundherum bläst sich über Minuten auf, entfaltet sich dabei. So wird der Reitautomat, der ja mechanisch zunehmend Bockigkeit ausspielen kann, gegen die man sich wehrt, von der man sich nicht abwerfen lassen soll, zum Sinnbild dieser Performance, die – nun muss endlich korrigiert werden – der sechste Mann auf der Bühne musikalisch veredelt. Ariel Oehl spielt im Hintergrund auf einem Podest erhöht live, betört mit seinem Gesang in dieser verführerisch hohen Stimmlage, mit eigenem Liedmaterial, neu Komponiertem oder auch Adaptiertem, darunter etwa Chers Song „Believe“.

Am Ende des Abends umfasst Sara Ostertag das Ballett ihres Schauspieler- und Tänzer-Quintetts mit glitzerndem Badeschaum, aus dem sich Tom nur für einen Epilog löst, nicht von Bouchard, Ostertag entschied sich für Textpassagen aus dem Buch „Ein Apartment auf dem Uranus“ der Trans-Person Paul B. Preciado – ein bewusster Stilbruch zur Dialogsprache des Stücks, für eine starke Botschaft! Tosender Applaus! Ich gehöre zu den größten Skeptikern, was Standing Ovations betrifft. Zu Recht riss es uns aber alle von unseren Stühlen!

Foto: Ensemble – Foto von Herwig Prammer, mit freundlicher Genehmigung des Landestheaters Linz

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