Kulturpolitik

Von Zeit zu Zeit hör´ ich den Alten gern

Nach neun Wochen im Überschwang von Angebot eines Superkulturjahrs 2024 in Oberösterreich löse ich endlich ein bereits vor längerer Zeit gegebenes Versprechen ein: meine Annäherung an den Genius-loci-Komponisten des Bundeslands, Anton Bruckner. Sein 200. Geburtstag kehrt Anfang September wieder, gefeiert wird das ein ganzes Jahr, ausgiebig; parallel und fallweise auch verknüpft mit der Kulturhauptstadtregion Salzkammergut.

Beides habe ich in den vergangenen Wochen unterschiedlich erprobt, beobachtend, teilnehmend. Die Bilanz schon jetzt: Ich bin Team Bruckner. Denn im zeitlichen wie örtlichen Zerfließen des Kulturhauptstadtprogramms in den 23 beteiligten Salzkammergut-Gemeinden werden Grundsatzfragen drängend, vor allem immer wieder die, wie und warum gerade dieser Programmpunkt überhaupt ins Portfolio aufgenommen werden konnte. Welche Kriterien galten? „Kulturhauptstadt“, das ist in Europa doch das Top-Label eines Festivals, quasi die Champions League, aber vieles, was ich in den vergangenen Wochen rezipieren durfte, spielt in der Regionalliga Oberösterreich-Süd. Kunst darf zwar alles – okay, das ist sehr groß gegriffen, also sage ich mal: sehr viel, nur eines nie: langweilen. Ich habe den wohl langweiligsten Kulturabend meines Lebens im Salzkammergut hinter mir und sage hier bewusst nicht, was es war, ich will niemanden beschämen.

Indikator einer solchen Bilanz nach neun Wochen ist auch, dass sich die Beschreibungen so vieler Projekte im Katalogbuchziegel für dieses Jahr spannend lesen und diese Texte sich nach Rezeption vor Ort schrecklich inhaltlich entleeren. Möge sich dieses Blatt bald wenden! Mehr Kunst mit Kraft, Feuer, Begeisterung, Botschaft!

Anders schienen es die Verantwortlichen angegangen zu sein, die den Geburtstag des Landeskomponisten Anton Bruckner zelebrieren. Interessanterweise fallen hier Anspruch und Realisierung nicht aus-, sondern glückend ineinander. Dazu zähle ich aus den ersten Wochen vorrangig so eine Kostbarkeit wie das Figurentheater zum „merkwürdigen Herrn Bruckner“, Vermittlung mit Augenzwinkern nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch als Erwachsener hat man eine beseelte Freude damit. Auch der Kuratorin-Coup, Ina Regen zu bitten, Konzerte für einen „next Bruckner“ zusammenzustellen, gehört dazu. Der Thesenansatz, „next Bruckner“ müsse weiblich sein, spielt kokett mit der Schablone, wie schwer es die, die komponieren, produzieren im Business, also im Konzertbetrieb haben, um sich durchzusetzen, ach was, überhaupt einmal Platz, dann hoffentlich Anerkennung finden zu können: die Frauen. In dieser Analogiebewegung des frühen 21. zu Bruckner im 19. Jahrhundert liegt einer unter vielen roten Fäden, die das Projekt Monat für Monat durchs Jahr im Linzer Zeitkulturzentrum Posthof spinnt. Ganz großartig hob das am ersten Abend (13. Jänner) im Zeichen einer reduzierten Konzentration auf Klavier und ihre gewaltige Soulstimme mit Lylit und zwei Backgroundsängerinnen an.

Natürlich war klug, im vergangenen Jahr den Namenspatron im Brucknerfest Linz in seinen Werken auszusparen. Entbehrung als Prinzip, Neugierde zu wecken: Im diskursiven Feld vor dem Jubiläum rümpfte ich online in einem Kommentar meine Nase. Zu viel Bruckner-Geruch würde uns alle benebeln, betäuben vielleicht sogar, wohl ein Phänomen, das sich überall dort durchsetzt, wo einem Großen wegen Lebens-, Schaffens-, Wirkungsorten eifrig nachgestellt, gehuldigt wird und er reichlich genossen zu einer Übersättigung verführt: Mozart in Salzburg, Bach in Leipzig, Schumann in Bonn, man möge diese Reihe beliebig fortsetzen! Ein Gespräch dazu mit dem hoch geschätzten Musiker, Musikvermittler und nun Animateur, sich vielfältig mit der Bruckner-Persönlichkeit auseinanderzusetzen, Norbert Trawöger war kurzerhand zwar vereinbart, blieb leider bis dato aus (wir ermessen gemeinsam warum, unsere übervollen Terminkalender!).

Nein, es passt. Ich überrasche mich selbst, wie verführt ich bin. Ja, von Zeit zu Zeit hör´ ich den Alten wirklich gern, ob im Konzertsaal oder in den eigenen vier Wänden, wenn feine Brucknerinterpretationsware noch altmodisch auf CD, als Schatz genau dafür bewahrt, in den Player eingelegt, stereo in den Wohnraum schallt, gerne auch einmal ein wenig lauter (mit Dank an Geduld und Toleranz der Nachbarn!). Dann wieder ist es genug Bruckner, zu viele Noten, würde ich fast sagen, auch wenn dies musikhistorisch jemand anderem zugeschrieben wird.

Was aber mir Oberösterreicher quasi den Initiationsritus gab, „den Bruckner“ zu schätzen, liegt schon in der gewaltigen sinfonischen Kraft. Viele schwärmen vom Einsatz seiner vierten Sinfonie in „Star Wars“, nein, ich nicht. Ich finde genial, wie das Scherzo der siebenten Sinfonie den Blick über die Skyline von Los Angeles begleitet, in Reinhard Juds Film „James Ellroy: Demon Dog of American Crime Fiction“ (1993).

Foto: Seit Aufstellung vor 50 Jahren etwas mitgenommene Büste des Komponisten Anton Bruckner vorm Brucknerhaus Linz (Oberösterreich) am 26.2.2024

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