Kunst

Sprayer-Szene im Museum

Gern nützt man für Ausstellungen in Museen die Wände, um auf reinem Weiß in klaren Schriftzügen Botschaften zum Gezeigten anzubringen. Im Nordico Stadtmuseum Linz (Oberösterreich) warnt im Erdgeschoss der Satz, dass Graffiti, erst einmal in Galerien und Museen eingebracht, ihre Gefahr verlieren. Allein die sachliche Schriftart dieses Satzes erhebt irgendwie den Anspruch eines Domestizierens. Würde der Satz anders wirken, wäre er gesprayt worden?

In der aktuellen Schau „Graffiti & Bananas“ beweist man in Linz neuerlich, dass ein Stadtmuseum kein Ort des Einmottens gesammelter Exponate zur Stadt mit fallweisem Abstauben für eine Präsentation ist. Ein Stadtmuseum bietet Platz zur Demonstration und Diskussion des urbanen Lebens, auch zur Verortung, wie es in größere sozial- und kunstgeschichtliche Zusammenhänge einzupassen ist. In hunderten Fotografien wurden Spuren der Kunst aus der Spraydose gesichert, geordnet und kategorisiert. Mich fasziniert besonders die Wand, die sich den Motiven „Trains“, also besprayte Zuggarnituren, widmet. Ich lerne, „whole train“ ist die Königsklasse des Sprayers. Und ich erinnere mich an Malcolm Gladwells Schilderung in seinem Buch „Tipping Point“, als sich die Betreiber der New Yorker Subways mit der Sprayer-Szene ein erbittertes Duell lieferten. Waggons wurden besprayt, das Verkehrsunternehmen entwickelte ein Verfahren, den widerständigen Spraylack rasch wieder abzuwaschen. Über Wochen und Monate lief dieser Wettkampf. Er war notwendig. Im Umfeld der U-Bahn-Züge mit Graffitis ließen mehr Menschen durch Gewaltverbrechen ihr Leben als in blank glänzenden Waggons ohne Graffitis. Empirische Forschung bewies dies. Sind Graffitis tatsächlich so gefährlich?

Im riesigen Bildlexikon der Schrift- und Bildsprachen des öffentlichen Raums von Linz sucht das Auge in den Räumen des Museums Ruhe und Fokus. Nur so kann man seinen „roten Faden“ aufnehmen, um sich in die abwechslungsreiche Welt zwischen kulturgeschichtlichen Beschreibungen und kunstgeschichtlichen Bezügen einzulesen. Mit temporären Wänden aus Verschalungsmaterial erhielt die lokale Szene Gestaltungsraum im Museum. Die eigens gesprayten Bilder zeigen die Handschriften von Shed, Mars & Co.. Dass die Linzer Künstlerin Helga Schager, die mit ihrer Stencil Art seit eh und je politische und feministische Botschaften artikuliert, darin ebenso Platz bekommen hat, beweist, dass sich die Kuratorin Klaudia Kreslehner nicht nur auf die Szene der Straße verlassen hat. Nostalgisch rührt die Erinnerungsarbeit an, etwa an das von der Künstlervereinigung Stadtwerkstatt als Schutz gegen den Abriss auf ihr Domizil in Linz-Urfahr angebrachte Sgraffito. Die Geschichte liefert den traurigen Beweis, dass Kunst in einer sich auf Kultur berufenden Stadt dennoch nicht verhindern konnte, dass das Haus Kirchengasse 6 für den Neubau des Ars Electronica Centers dem Erdboden gleich gemacht worden ist. Gut aufgefrischt wird auch die unsägliche Allianz zwischen einem Stadtrat und einer Postwurfzeitungsredakteurin zur Tilgung der Schandflecken (gemeint: der Graffitis) in Linz. Die Antwort einer Aktionistengruppe mit ihren Stencils bewies, was allein in einer Nacht machbar ist.

Am stärksten empfand ich unter den Referenzarbeiten aus der Kunstszene ein Farbfoto der Kreuzung Graben/Dametzstraße von Gregor Graf. „Hidden Town/Verborgene Stadt“ (2004) zeigt diese Linzerinnen und Linzern bestens vertraute Topographie vollkommen befreit von jeglichen Zeichensystemen, also ohne Bodenmarkierungen, Verkehrsschildern, Schriftzügen auf den Gebäuden. Aseptisch nüchtern, darin emotional abgekühlt zu einem Realismus, wie ihn Edward Hopper gemalt hat: Lebensfroh sind solche Plätze nicht. Heute wirkt das Foto wie eine Metapher für Lockdown und in der Umkehrung natürlich als ein Plädoyer für die Eroberung des öffentlichen Raums in Spontaneität, im Signieren mit der Spraydose.

Zieht das Museum mit der Schau also den Graffitis den Zahn der Gefahr? Ja, denn in einem Video klärt der mit den Anzeigen wegen Sachbeschädigungen befasste Beamte der Linzer Bundespolizeidirektion die rechtliche Situation und die nicht gering zu schätzenden Folgen für die Brieftaschen der auf der Straße und ihren Häusern Kreativen auf. Und, nein: Die Graffiti-Szene wird sich, auch wenn sie zu „Museumsehren“ gekommen ist, subkulturell weiterentwickeln. Hoffe ich. Trotz institutioneller Verankerung: Linz hat nämlich neben Unterführungen, wo das Sprayen gestattet ist, mit dem „Mural Harbor“ auch eine eigene Präsentationsfläche für Graffiti und Wandgemälde.

Foto: Norbert Artner – NORDICO Stadtmuseum Linz

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s