Philosophie

Raus aus dem Ressentiment!

Bei diesem Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus meiner Festrede als Vorsitzender der Reife- und Diplomprüfung an der HLW Auhof in Linz (Oberösterreich), gehalten am 15.6.2018 anlässlich der Zeugnisverteilung:

„(…) Mir ist es ein Anliegen, in Ihnen eine Verantwortung zu wecken. Mit diesem Weckruf allein ist es allerdings nicht getan. Gemäß den allgemeinen Bildungsaufgaben des Lehrplans der humanberuflichen Schulen Österreichs haben wir Lehrerinnen und Lehrer Sie auch an eine Rolle als „active citizen“, als wachsame Staatsbürgerin und wachsamen Staatsbürger herangeführt. Und genau als solche und solcher sind Sie nun gefragt:

Wir leben in einer Zeit des Ressentiments.

Ein Wort, so schön von seinem Klang her, doch in ihm steckt eine gefährliche Tücke, nämlich die Tücke, dass wir uns selbst entmündigen.

Ein „heimlicher Groll“ – nichts anderes bedeutet Ressentiment als Lehnwort aus dem Französischen – hat von uns Besitz ergriffen. Vorurteile, Gefühle von Unterlegenheit und Neid schüren in uns teilweise unbewusste Abneigungen. Klage und Beschwerde wachsen sich aus zu einer Verurteilung des anderen als „böse“. Ein Gutteil von uns vollzieht dies in den verlockenden Echoräumen von social-media-Anwendungen, deren privater Anschein enorme öffentliche Wirkung erzeugen kann.

Der an der Linzer Kunstuniversität lehrende Philosoph Robert Pfaller hat sich eingehend mit dem Phänomen des Ressentiments beschäftigt und in einem bemerkenswerten Aufsatz an jene zwei Merkmale erinnert, die Friedrich Nietzsche dem Ressentiment zugeschrieben hat. Einerseits handelt es sich um einen „Ausbruch gegen die Glücklicken“, andererseits um „Asketismus“.

„Wir (…)“, schreibt Pfaller da, „haben einen erstaunlichen Hass auf unsere früheren Vergnügungen ausgebildet.“ Wir haben den Fleischgenuss, das Tragen von Pelz, das Trinken von Alkohol, den Tabak, das Parfüm, eine Erwachsenensprache im Umgang miteinander, das Witze-Machen und noch vieles mehr verdammt.

„Unsere früheren Götter, die wir aufgehört haben zu verehren“, schreibt der Philosoph Pfaller weiter, „sind gestürzt und dadurch zu unseren Dämonen geworden.“ Eine Umwertung habe sich vollzogen und „wir schämen uns nicht einmal dafür. (…) Denn das Ressentiment zeichnet sich gerade durch das Fehlen jeglicher Scham aus, was das Dämonisieren von anderen oder den Hass auf das Glück betrifft.“

Ich muss hier verkürzen, darum ein paar von Pfallers Gedankenwegen auslassen und zur entscheidenden Frage kommen, die da sehr simpel lautet: Was tun? Wie kommen wir heraus aus dem Ressentiment? Der Philosoph ruft uns in Erinnerung, „dass bestimmte zivilisierte kulturelle Praktiken in der Geschichte Individuen darin trainiert haben, sich von sich selbst zu distanzieren.“ Und er regt an, uns mit dem Gedanken anzufreunden, die gegenwärtig aufgelöste Trennung zwischen privater Person und öffentlicher Rolle „wieder zu etablieren und zu verteidigen“, wie er wörtlich sagt.

So lange es sie [gemeint die Trennung zwischen privat und öffentlich] gab, haben Menschen anderen deren Glück im öffentlichen Raum nicht missgönnt. Denn sie sahen deren Fröhlichkeit und Eleganz, deren Verbindlichkeit, Höflichkeit und Charme sowie deren Glück und Genuss als das an, wozu diese anderen sich entsprechend der Rolle, die sie im öffentlichen Raum zu spielen hatten, verpflichtet fühlten.

Der Punkt, auf den Pfaller seinen Aufsatz bringt, sehr geschätzte Absolventinnen und Absolventen, ist eine Einladung an Sie, die ich Ihnen wortwörtlich auf Ihren weiteren Lebensweg mitgeben will. Darum schließe ich mit diesem Zitat:

Wer in der Lage ist, auf erwachsene Weise auf andere zu blicken und diese ebenfalls als Erwachsene wahrzunehmen, wird ihnen wohlwollend und großzügig begegnen. Dieses Wohlwollen gegenüber Gleichen ist andererseits die Bedingung dafür, sich gegen aufkommende Ungleichheit in der Gesellschaft zur Wehr zu setzen.

Ihnen alles Gute! Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.“

Verwendete Literatur:
Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. 3. Aufl., Frankfurt 2018, S. 112-141.

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