Sprache

Variantenfahrer

Der deutschen Sprache hängt ein schlechtes Image nach. Sie sei in ihrer Grammatik schwierig, ihre Wörter würden wenig Wohlklang ans Ohr bringen. Wer diesem Irrglauben anhängt, kann sich von Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt seit Herbst 2025 bekehren lassen. In seinem jüngsten Buch schwärmt er „von der Schönheit der deutschen Sprache“, diese gelte es wiederzuentdecken. Insbesondere lobt er ihre Kreativität, die sie im Generieren neuer Ausdrücke entfaltet, zum Beispiel durch Komposita, zusammengesetzte Nomina, mit solchen setzt man dann einen neuen Fuß von Bedeutung auf bisher unbekanntes Land.

Man braucht ja nur Augen und Ohren zu öffnen, in diesem Fall die Augen, gerichtet auf Berichterstattung aus Anlass. Die Bergretter mussten wieder einmal ihr Paradoxon bedienen: Der erste Tag mit Schönwetter wird schlimm! Die Aussage erklärt sich in den dann deutlich erhöhten Einsatzfrequenzen all jener bewundernswerten Zeitgenossen, die sich das Retten von Menschen aus Gefahrenzonen unserer Berge zur (ehrenamtlichen!) Freizeitgestaltung gewählt haben.

Aus Tirol bekam die Bergrettung verbale Unterstützung durch die Sicherheitslandesrätin, die gegen die „Vollkaskomentalität“ am Berg wetterte, die so unverschämt gelebt werde, dass die Leute der Bergrettung nicht mehr mit ihren Aufgaben nachkommen. Die Kosten der Einsätze für jene, die meinen, sie müssten ausschließlich nach eigener Entscheidung, schon gar nicht nach Parametern von Niederschlag, Wind, Temperaturen tun, was die Leidenschaft ihnen bedingungslos befiehlt, tragen bei solchen Enthusiasten oftmals Versicherungen. Dann fühlt man sich frei von einschlägigen Warnungen. Denn für die bezahlte Prämie konsumiert man gerne auch Leistung. In der Berichterstattung bekamen Leute mit Neigung, so zu handeln, die Bezeichnung – nun bitte diesen Moment von Schönheit der deutschen Sprache genießen! – Variantenfahrer.

Das Wort ist höchste Kunst einer wertfreien Präsentation eines ganz bestimmten Handelns. Denn „Variante“, Teil eins des Kompositums, sagt ja an und für sich gar nicht aus, ob es sich um eine bessere oder schlechtere Variante handelt, es ist nur: Variante.

Ich bewege mich in einem fast sechs Jahrzehnte umfassenden Leben mit Deutsch als Muttersprache und erweitere gern meinen Wortschatz, immer schon auch staunend. Also recherchierte ich, warum mir dieses Vokabel bislang unbekannt und darum auch anzuwenden vorenthalten geblieben war. Und ich entdeckte, dass es als deutschsprachige Alternative zum Freeride-Schifahrer eingeführt worden sei. Gemeint ist damit ein schon für die Verhältnisse athletisch und von der Ausrüstung her vorbereiteter Mensch, vorrangig männlich (man findet kaum „die Variantenfahrerin“), der die präparierte Piste eben gerne verlässt, um seine Variante zu fahren, Lifttrassen beispielsweise, Landschaft mit Gefälle, sofern diese von der frischen Schneedecke noch unberührt daliegt. Dann wird die „Variante“ mit der ersten frischen Spur in sie hinein quasi autorisiert: Mister XY did it!

Jetzt steht eben nur die Kultur der Warnungen – niemals grundlos, es geht darum, Gefahren vorzubeugen – dieser (immer noch neutral gewerteten) Variante von Schifahren (auch Snowboarden) entgegen, wenn die „Vollkaskomentalität“ in die Richtung spielt, dass nichts passiert, und falls doch, dass einen die Bergrettung herausfischt, sollte die Labilität der Schneelage durch den Variantenfahrer auch selbst in die Variante von Fahrt kommen und ihn unter sich begraben. Die Rechnung für den Einsatz der Bergrettung geht an die Versicherung.

Die Tiroler Sicherheitslandesrätin fand mit ihrem Vorschlag, die Tarife der Bergrettung den Risikostufen von Lawinen entsprechend zu erhöhen, keinen Anklang. Ihre Strategie, dass eine Regulierung des Variantenfahrens ausschließlich über Geld, also den Preis geht, auch Ausstieg der Versicherung ab einer bestimmten Gefahrenstufe, blieb irgendwo echolos in der schneebedeckten Bergwelt des ausklingenden Winters.

Faktum zum Schluss: „Unter den österreichweit 14 Lawinentoten im Zeitraum vom 15. bis 24. Februar, waren 13 Variantenfahrer und ein Tourengeher. In Tirol kamen in diesem Zeitraum zehn Menschen unter einer Lawine ums Leben. Vom Tiroler Lawinenwarndienst hieß es, Tourengeher und Tourengeherinnen hätten sich vorbildlich an die Warnungen gehalten.“ (tirol.orf.at vom 27.2.2026, abgerufen am 1.3.2026)

Foto: Openverse/Free Photo Library

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