Satire

In letzter Konsequenz

Es musste so kommen. Zuerst schaltete die Europäische Union in ihrer Corona-Ampel weite Teile des Kontinents auf „Rot“. Die Vereinten Nationen zogen nach und ließen in ihrer Ampel weitgehend alle Mitgliedsstaaten erröten. Da fehlte dann nur noch Captain Kirk auf seinem Raumschiff Enterprise mit der intergalaktischen Bewertung der Erde in der Farbe „Leuchtendknallrot“.

Wir waren alle gefordert, das zu tun, was die Bekämpfung der Pandemie erforderlich machte. Die drei bekannten Dinge eben: Hände waschen, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen. Auf allen Radiosendern erklang nur noch das gleiche Programm, in Endlosschleife. Vom Bundespräsidenten über den Kardinal, vom Bundeskanzler, allen Ministern, den Sektionchefs über alle öffentlich Bediensteten bis hin zu den Reinigungskräften aller Amtsstuben der Republik appellierten sie, man möge das allseits bekannte (der Gesundheitsminister sagte sogar „beliebte“) Sicherheitskonzept auch in den privaten Räumlichkeiten leben. Der Bundesrettungskommandant lud immer wieder dazu ein, die „Stopp Corona“-App auch innerhalb der Familie anzuwenden.

Der Staat hat zwar keinen Zugriff aufs Private, verschafft ihn sich aber dennoch in medialer Indoktrination tagtäglich rund um die Uhr via Rundfunkgerät und Fernsehbildschirm. Man beginnt dann halt schon nachzudenken, wenn jeden Abend zur Hauptnachrichtenzeit der Kanzler oder Gesundheitsminister mit zweidimensionalem Riesengesicht gegenüber der eigenen Fernsehcouch im Familienkreis auftaucht und die Gebetsmühle Händewaschenabstandhaltenmundnasenschutztragen in den Familienkreis hereinmurmelt.

In letzter Konsequenz haben wir dreiköpfiger Haushalt plus Katze nun gehandelt. Das sieht nun so aus. Mehr als sechs Personen dürfen sich indoor nicht mehr versammeln. Wir sind hart zu uns selbst und haben dies auf eine strengere Stufe gestellt. Mehr als drei dürfen sich nicht mehr gleichzeitig in einem Raum aufhalten, die Katze zählt dabei mit. Das heißt: Eine oder einer muss immer hinaus. Zusätzlich wurde im Vorzimmer, von dem aus alle Räume erreichbar sind, eine Einbahnregelung eingeführt. Ein schwarzgelbes Klebeband teilt das Vorzimmer der Länge nach in zwei Bereiche, um auf den knapp zehn Quadratmetern pandemieadäquate Ordnung in Gestalt eines flachgedrückten Kreisverkehrs einzuführen.

In der Küche gibt es ebenfalls mit Klebeband markierte Abstände vor Kühlschrank, Herd und (ganz wichtig!) Kaffeemaschine. Sicherheit geht vor, die Disziplin des Anstellens ist mittlerweile komplett in uns. Am Esstisch dürfen aus Sicherheitsabstandsgründen zeitgleich maximal zwei Personen gegenüber Platz nehmen. Wir nennen dies die „Landadel-Sitzordnung“. Wir haben in allen Räumen mobile Handwaschstationen und natürlich Desinfektionsspender aufgestellt. Zweimal pro Tag gehe ich im Ganzkörperschutzanzug durch, um das selbst gemischte Präparat nachzufüllen. Jeder Spender ist somit spätestens alle zwölf Stunden wieder auf Anschlag gefüllt. Jeder Zimmerwechsel erfordert die Handdesinfektion.

Einmal pro Woche wandern viermal sieben doppellagig genähte Mund-Nasen-Schutzmasken aus Textil in die Waschmaschine (90-Grad-Programm!). Ja, wir haben der Katze einen Maul-Schnauzen-Schutz angepasst und sie trainiert, diesen durchgehend zu tragen. Das Bauprinzip ist das eines Maulkorbs für Hunde. Sie ist darum psychisch gekränkt worden. Das wissen wir, hilft nichts, da muss sie durch. Ausschließlich fürs Fressen wird ihr dieser auf zwei Minuten abgenommen. Die zweite Partie von 28 Textilien geht in den täglich wechselnden Verbrauch, während die Schutzmasken-Wäsche auf dem nur mehr ausschließlich dafür eingesetzten Wäscheständer trocknet. Da wir insbesondere dem Aerosolausstoß im Schlaf (vulgo Schnarchen) hohe Infektiosität zugestehen, gibt es parallel zum insgesamt 56-teiligen Tagesmaskenset ein ebensolches für die Schlafphasen in der Nacht. Mühsam ist das häufige Wechseln des Tagesmaulschnauzenschutzes zu jenem für den Schlaf bei unserem Stubentiger. Dass Katzen auch andauernd pennen müssen!

Zu Hochsicherheitszonen wurden Toilette und Bad. Wir haben hier an den Türen Desinfektionssprühnebel installiert, die durch Lichtschranken ausgelöst werden. Die Benutzung dieser beiden Räume erfolgt ausschließlich nach zuvor auf Zetteln durchgeführter Registrierung mit den Kontaktdaten für ein etwaiges interfamiliäres Contact Tracing.

Am Ehebett wurden Doppelmatratze und Holzfuton exakt in der Mitte mit dem Fuchsschwanz durchtrennt, die entstandenen beiden Teile auf einen Meter auseinandergerückt. Um eine etwaige Ausdünstung des Virus durch Poren, danach die Abgabe in die Raumluft (Aerosol!) zu vermeiden, wird fortan nur noch atmungsdeaktive oder atmungspassive Kleidung getragen. Natürlich macht das etwas mit unserem Körpergeruch. Dieser unterstützt somit, dass wir voneinander Abstand halten.

Wenn all das nichts nützt, hat das Familienoberhaupt angedroht, einen Lockdown durchzuführen. Dann wird alles gesperrt. Room-Office für jede und jeden von uns. Freier Bewegungsradius drei Meter, Voranmeldung des Einzelbesuchs der Küche via family-WhatsApp-Gruppe.

Die Bundesregierung soll für so einen Lockdown einen Härtefonds versprochen haben, um den enormen hauswirtschaftlichen Schaden durch Steuermittel, die es eigentlich nicht gibt, finanziell aufzufangen. In solchen Maßnahmen beweist auch sie letzte Konsequenz.

Foto: Pexels/Free Photo Library

1 reply »

  1. Mir fehlte noch das Homecooking natürlich in Distanz und nur vollelektronisch.

    Das alles, was deine Satire sagen möchte, hätten wir uns ersparen können, wenn Politik in enger Abstimmung mit Parlament und Polizei genau dort eingreifen hätte können, wo sich die Pandemie explosionsartig verbreitete: in speziellen Lokalen, bei privaten Parties – und das nicht nur bei Türken, Tschetschenen oder Kosovoalbanern, sondern genauso in vielen Upperclassparties oder in den unzähligen Stadlfesten der Landjugend.
    Wir hätten offene Theater, Kinos, Schwimmbäder und Fitnessstudios und genau so offene Restaurants und Cafés, die in letzter Zeit so viel gestemmt haben, um die Ausbreitung der Viren zu verhindern.
    So gehen wir alle wieder in Geiselhaft und sehen uns der Gefahr gegenüber, dass unsere Gesellschaft auseinander bricht und sich Teile von Rechts oder den Identitären instrumentalisieren lassen, die nur darauf warten, die Gesellschaft weiter zu destabilisieren.

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