Der Mensch braucht Rituale. Deren Wiederkehr gibt dem Leben, so wie dieses dann und wann dahinpurzelt, im Kleinen, im Mittleren, zurzeit besonders im ganz Großen (wegen des täglichen Ge-Trump-els auf dieser Welt) Halt und darin auch Sicherheit.
Mit dieser kommt also an so einem Wochenende im Jänner wie dem eben zu Ende gehenden das Hochamt des alpinen Schiweltcups in seinem Mekka Kitzbühel, die Hahnenkammrennen. Menschen pilgern dahin, Prominenz muss sich dort blicken lassen, um sich genau dadurch zu versichern, dass sie ist, was sie ist bzw. zu sein vorgibt.
Es ist ein gefühltes (und tatsächlich mehr als mein) halbes Leben her, dass meine Familie im benachbarten Kirchberg zur Pflege des österreichischen Wintersports Nummer eins weilte, zum Schifahren. Schon damals ließ das Schaukeln durch Nutzung von geschickt in die Bergwelt gebauten Liftanlagen zu, dass wir unsere Schispitzen auf die Kitzbühler Seite des Hahnenkamms hinunter ins Gefälle richten konnten bzw. die Nasen unter den Schibrillen in den Fahrtwind steckten, ja, auf der legendären Streif, allerdings in ihrer Allerweltsversion für den gehobenen (will heißen: von einem Können getragenen) Publikumsschilauf.
Das, was „Mausefalle“ heißt, bestaunt man da nach Umfahrung von unten nach oben, kopfschüttelnd, dass man sich hier mit der Rasanz einer gerade aufgenommenen Fahrt und nach einem Linksschwung über die Kante ins freie Fallen stürzen kann. Der Steilhang entspricht seinem Namen. Man steht als Beherrscher seines Sports am Beginn oder nach Stopp mitten in ihm drin und blickt in der Linie Schulter-Hüfte-Ferse über die Kante des eigenen Talschis hinaus in die Tiefe der weiß aufgerichteten Wand, in der man sich mit aller Kraft der Kanten der eigenen Latten krallt. Wer die Kanten einen Millimeterbruchteil freigibt, rutscht diesen Hang seitlich hinab, umgeben von jenen, die selbst dem nicht standhaft gewachsen sind und der Schwerkraft von Körper und Ausrüstung auf den glatten Untergrund die Regie übergeben haben. Das laute Stoßgebet des Danks nach gesundem Erreichen jenes Wegs, der dann aus dem Steilhang hinausführt, Brückenschuss, geht im Gejaule all jener unter, die noch auf ihrem Hosenboden den Steilhang bezwingen. In dieser Art und Weise geht es weiter über all die Namen, die dem geneigten Beobachter vorm Bildschirm in den Geschwindigkeitsräuschen von Super-G und Abfahrt geläufig sind, Seidlalm, Hausberg, Hausbergkante, Traverse, Zielschuss.
Was aber verschreibe ich hier meine Zeit übers Schifahren? Diesem Hochamt des alpinen Schisports gräbt in den vergangenen Jahren in seiner Beweihräucherung im Medium Fernsehen das Rundherum immer mehr das zu Kristallen gefrorene Wasser (von Kunstschnee unter dem natürlich entstandenen und dann darauf gefallenen) ab. Die Party da, das Gesehen-Werden dort: Im Hauptabendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bringen sie heute wieder die Sendung von „Promis, Partys, Pistentratsch“, fünfzig Minuten lang. Es läuft die alle Jahre wiederkehrende Gebetsmühle des Schaulaufens ohne Schier, welches auf der Piste der Selbstdarstellung neben jenen Pisten stattfindet, auf denen die Athleten Hals, Kopf, Gesundheit, Leben riskieren. Diese Gladiatoren ihres Sports wurden mit ihrem Können versklavt zum immer kleiner werdenden Anlass für die weitaus größere Show als die des weißen Rennsports.
Dazu gehört auch das einem großen Österreicher auf der VIP-Tribüne unter die Nase gestreckte rote Mikrofon. Dann sagt Arnie brav den Satz, dass dies hier das sensationellste Schirennen der Welt sei (bitte den amerikanisch-steirischen Sprachtonfall seines Deutschs hier dazudenken!), und mir brennt immer die Frage auf den Lippen, die die Society-Reporterperson natürlich nicht stellt, die Frage, die da ordentlich ausformuliert einfach lauten würde: Wie, Herr Schwarzenegger, bringen Sie es in Ihrem Engagement für den Klimaschutz eigentlich unter einen Hut, dass Sie extra für das kalte Sitzen, vielleicht zwei Stunden lang, hier auf der Tribüne im Kitzbühel-Zielstadion über den Atlantik mit dem Flugzeug anreisen?
Jährlich grüßt uns Arnie, sagt seinen Satz, den gleichen wie jedes Jahr, brav im Ritual. Brauchtum, Halt, Sicherheit, alles schön und gut. Mich würde seine Antwort auf meine Frage wirklich interessieren.
Foto: Zielraum der Streif beim Hahnenkammrennen 2011, Kitzbühel, 22.1.2011 by Michael Fleischhacker, Wikimedia Commons [abgerufen am 19.1.2026], Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
