Theater

Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut

Wem wann beim Theater Phönix in Linz (Oberösterreich) die Idee kam, die Saison 2025/2026 mit einer Inszenierung von Eugène Ionescos „Die Nashörner“ zu eröffnen: Respekt und Applaus! Mir fehlt ja immer öfter die Anziehungskraft starker Titel in Spielplänen, Rückgriffe auf Schätze der dramatischen Weltliteratur, die in ihrer Ankündigung auf mich wirken wie ein Magnet: Da muss ich hin. Zu „Die Nashörner“ zog es mich, die Premiere war am vergangenen Donnerstagabend. Ich besuchte sie. Zwei Stunden später verließ ich das Theater sehr beglückt: Was für ein starkes Statement!

Ich habe Ionescos „Die Nashörner“ in meinem jahrzehntelangen Theaterbesucher- und -kritikerleben erst einmal gesehen, als Jugendlicher vor mehr als vierzig Jahren am Landestheater Linz. Michael Totz, dieser kraftvolle Schauspieler (dem ein böser Unfall bei Dreharbeiten fürs Fernsehen im Alter von nur 43 Jahren das Leben nahm) spielte damals Bérenger. „Die Toten, sie werden immer mehr“, schrie er. Das brannte sich mir Oberstufenschüler ins Gedächtnis, denn es stach in die eigene existenzialistische Gedankenwelt, wir alle lasen zu dieser Zeit Sartre. In der neu übersetzten Fassung (Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel) im Theater Phönix sagt ein in seiner Statur (im Vergleich zu Totz) ganz anderer Bérenger den Satz so nebenher: „Die Toten sind überall, sie werden immer mehr.“

Das Brüllen auf Bühnen der frühen achtziger Jahre machte dem unscheinbaren und darin viel schärferen, beifälligen Sprechton Platz und einen anderen Wirkungsraum auf. Nun wieder in Linz geht Lukas Weiss als Bérenger durch 110 kompakte Minuten der Inszenierung eines 66 Jahre alten und topaktuellen Stücks: Ein Bürger, der daran ist, sich (an den Alkohol, in eine zivilisatorische Verlotterung) zu verlieren, wird von seinem Freund Jean zu mehr Selbstachtung aufgemischt, da galoppiert das erste Nashorn durch die Stadt.

Abdullah Maria Karaca verantwortet die Inszenierung, für die das Stück in seiner Dramaturgie dieses wunderbare, gute alte und immer wieder wirkungsvolle Stilmittel der Mauerschau vorsieht. Als Regisseur kommt man hier den Vorgaben nicht aus. Die szenische Handschrift steckt in den Details, etwa im Slapstick des Spiels zu all dem, was eben aus dem Fenster des Büros von Herrn Papillon und seinen Mitarbeitern gesehen wird, Mauerschau, diese küsst die Fantasie des Zuschauers wach: Monsieur Boeuf steht unten, schon nashornig geworden.

Schön wirkt auch diese Stilnote im Bühnenbild, einem Arrangement aus Wänden mit Türstöcken, zehn an der Zahl, Wohnung-, Büro- und/oder Stadtlandschaft (Bühnenbild: Vincent Mesnaritsch; Gerald Kurowski zaubert ihm ein starkes Lichtdesign). Für die Szene in der Rechtskanzlei gehen in den türblattlosen Zargen dem Personal mit einer Glühbirne das Licht zwar wörtlich auf. In der Erörterung, nach Logik schlussfolgernd, wird im Dialog das ein- zum zweihörnigen, vom afrikanischen zum asiatischen Nashorn oder umgekehrt. Sprachdenkspiele, analytische Auslegungsversuche des aufhaltsamen Wandels, Energie von Bewältigung, die ins Leere geht: Ionesco schrieb 1957 zuerst eine Erzählung, dramatisierte zwei Jahre später, setzte die Parabel gegen den Rassismus im Algerienkrieg. Die Uraufführung in Düsseldorf 1959 deutete die Dickhäutermetapher auf den Nationalsozialismus um, Herdengetrampel der Zerstörung kennt zur Genüge Ursachen.

Die heutigen modernen Dickhäuter finden ihre Mitläufer, während sie Demokratien in Autokratien transferieren, etwa wenn sie mit dem Horn tief in die Meinungsfreiheit stoßen und diese abgraben. Das Umfeld an Menschen erkennt es und hält sich ans Beschreiben. Die klügsten Köpfe sind hier um nichts verlegen, bleiben das aber zugleich. Irgendwann beginnen sie zu beschwichtigen. Die „Rhinozeritis“ grassiere zwar, das sei uns gleichgültig. Dudard, Jurist bei Papillon, zeigt den Moment falscher Besonnenheit vorm eigenen Kippen in die dicke Haut. In der Hosenrolle glänzt hier Karina Pele mit einer sehr eindringlichen Darstellung. Der Gewöhnungseffekt als Fluch lässt uns das Erkennen der Gefahr verlieren. Bérengers Freund Jean, zu Beginn fordernder Bote eines Bürgerbilds in aufgeklärtem Verständnis, durchläuft die Metamorphose zum Nashorn: Wie Jakob Immervoll dies spielt, wird zum Highlight des Abends. Danach knotet sich Bérenger eine der braunen Juristenkrawatten um den kahlen Kopf, Partisane einerseits soll der Druck des Business-Accessoires andererseits das Wachsen eines Horns an der Stirn unterbinden. Da ist seine Liebe zu Daisy noch nicht erklärt, noch nicht von ihr gespürt, so wunderbar gespielt von Johanna Egger, da ist noch nicht in ihrem Lied der letzte Widerständler, der Bérenger werden wird, verführt, sich ins Imaginäre zu flüchten. Dann fasziniert auch Daisy (in Mauerschau) die Ruhe der Herde, die anderen, auch der Logiker (Martin Brunnemann, auch Herr Papillon), auch Botard (Sebastian Pass, auch der Lebensmittelhändler) haben sich bereits angeschlossen.

Daisys Blick fällt durch die ausgebrochene Tür, die Nashorn Jean hinterlassen hat. Sie erkennt Schönheit, sie erkennt Tanz, sie erkennt, wie sehr sich die kritische Masse in der Gesellschaft verlagert hat. Sie, die Nashörner, fühlen sich wohl in ihrer Haut. Wo will man zugehörig sein? Auch Daisy geht. Einsam bleibt Berenger zurück: „Ich gebe nicht auf.“

Anmerkung fürs künftige Publikum: Schaut über den älplerischen Touch mancher Kostüme zu Beginn (Kellnerin und Hausfrau im Dirndlkleid, Jean und Lebensmittelhändler in Trachtensakkos) hinweg! Er verkürzt Ionescos Aussage falsch nur auf Österreich. Es ist eine Unschicklichkeit der Inszenierung, man kann, man muss sie für sich ausblenden. Und geht hin: Denn in Linz hat sich die Wiederentdeckung eines Klassikers des absurden Theaters im September 2025 jede Menge Publikumszuspruch verdient. Aufführungen sind bis 8.11.2025 angesetzt.

Foto: Andreas Kurz – Bérenger (Lukas Weiss), mit freundlicher Genehmigung des Theater Phönix Linz

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