Vor fünf Jahren zu dieser Jahreszeit fiel es mir das erste Mal auf. Auf dem schönen metallic-blauen Lack meines Autos zeigten sich jeden Morgen nach Abtrocknen des Taus kleine schwarze Pfützen. Ihre Herkunft blieb vorerst rätselhaft. Der Eifer des Pflegens seines Neuwagens ließ den Besitzer einfach zu Wasser und einem Blatt Küchenrolle greifen. Zudem war das eine der wenigen verbliebenen Freizeitaktivitäten in einer sonst sehr reduzierten Zeit, vor allem was alles Soziale betraf. Ich hatte zwar damals den geschäftstüchtigen Traum eines Sprays, der Coronaviren rosa leuchtend sichtbar machen sollte. Der schwarze Fleck, der Schwerkraft gehorchend genau unter der Spitze der schräg vom Autodach abstehenden Antenne, widersprach meiner Vision deutlich.
Die Realität dahinter bzw. darunter erkannte ich erst einige Wochen später, als mir auffiel, dass von der schwarzen Gummierung der Antenne nicht nur abgeknabbert ein Stückchen fehlte, sondern ich aus dem Abdruck kleiner scharfe Zähne im Schwarz, wäre ich Zahntechniker, sogleich ein Kieferchen hätte modellieren können. Freund Steinmarder, der nun auch wegen ungeputzter Pfoten seine Wege über den Wagen dokumentierte, verbiss sich vom Geruch (?) angelockt am Dach in die Antenne.
Wissend um Natur und Umwelt meiner Wohngegend – achtzig Meter von der Haustür entfernt fällt der Konglomerathügel ein paar Höhenmeter ab in eine wunderbare Auenlandschaft – habe ich beim Kauf des Neuwagens auf Vorsorgen gesetzt: Unterbodenplatte und ein Gerät mit Piepstönen in Hochfrequenz, doppelt hält besser und den Marder vom Jausnen an Kabelisolierungen im Motorraum ab. Vor Jahren in Osttirol hat sich ein Artgenosse des hiesigen, ein entfernter Verwandter gewiss, einmal mit einem schönen Biss bis zu den Kupferlitzen eines Kabels vorgearbeitet. Ich entdeckte das per Zufall und klebte im Stil von MacGyver mit Isolierband ab, um die Autoreise technisch gesichert fortsetzen zu können.
Freund Steinmarder hier arbeitet sich also an meiner Antenne ab. Ich Spielverderber nehme ihm dieses Vergnügen und entwickle den neuartigsten Marderschutz überhaupt, eine leere kleine PET-Flasche, die ich über Nacht der Antenne als Schutz überstülpe. (Ich rechnete zwar mit neugierig nachfragenden Nachbarn, die aufgeklärt die tierschützende Einfachheit der Maßnahme loben; ich rechnete nicht mit sich wichtigmachenden Spaziergängern, die zumindest ein- bis zweimal pro Jahr meinen, diese PET-Flasche von meinem Auto abnehmen und in den Plastikmüll entsorgen zu müssen.)
Freund Steinmarder (es ist ein solcher, ich habe den schlanken flitzenden braunen Körper schon mehrmals gesichtet) bedankt sich seither mit kleinen Geschenken, die er selbst produziert und manchmal auf der Motorhaube gut sichtbar für mich Fahrer hinterm Lenkrad links außen drapiert, gerne aber auch – und das nicht nur wie Eier zu Ostern – versteckt, zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe, wo sich auch die Scheibenwischer außer Einsatz in Ruhezustand befinden. Im Sommer dann lässt mich Freund Steinmarder sogar daran teilhaben, welche Früchte er gegessen hat, denn die Kerne ließ er durch seinen Körper wandern und er verwendet sie dann auch für seine Geschenkproduktion.
Neulich allerdings, am Montagabend in der vergangenen Karwoche, begab es sich, dass mich das viel zu frühe Sommernachtphänomen faszinierte. Die neue LED-Lampe der Straßenbeleuchtung schafft zwar nicht jene bestimmte Nachtatmosphäre, gemalt wie von Rene Magritte. Und doch: Vom Balkon aus sah ich ihn hinwieseln, obwohl er kein Wiesel ist. Der Aufstieg aus dem rasanten Lauf über die Straße hinauf auf das kleine weiße Auto einer Nachbarin gelang in eins, der Kreis am Autodach war nicht nur als Einlage gedacht, sondern wohl auch die Suchbewegung, wo man ablegen könnte. Es war rasch entschieden, er rutschte hinunter zur Motorhaube, kurzes Verharren, und weg war der Marder. Im Kontrast zum weißen Lack war im Licht der LED-Laterne sofort zu erkennen, dass etwas und was verblieben war.
Foto: Patent Marderschutz – Etikett der PET-Flasche #notspons
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