Medien

Was wir wissen und was nicht

Der heutige Titel ist eine der klügsten Zeilen, die wenige Medienunternehmen, vor allem auch in ihren online-Präsenzen, gerne und wiederholt setzen und verwenden, und zwar immer dann, wenn es darum geht, den (mehrdeutig!) tatsächlich gesicherten Fakten gebührenden Raum zu geben.

Nichts anderes. Keine Ausschmückung, keine Assoziation, keine Verknüpfung mit Geschichten aus der eigenen Erfahrungswelt, keine Interpretation: Alles, was irgendeiner Fantasie entspringt, hat in der (bitte den Begriff einmal wirklich ganz wörtlich nehmen) Berichterstattung keinen Platz.

Vor allem in der Welt der online-Medien zeigt sich diese medienethisch korrekte Haltung zunehmend selten, dort gelten andere Werte. Die Präsentation von Wissen (und auch von dem, was wir nicht wissen – aufrichtig und ehrlich angesichts von sich dynamisch ändernden Situationen) wird exotisch. Wir kennen in den Online-Medien Schlagzeilen, die nur darauf aus sind, von Userin bzw. User geklickt zu werden, Es handelt sich dabei um Formulierungen, die das Klotzen von Lettern auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts an den Kiosken der Urlaubsorte, an denen wir vorbeikamen, armselig erscheinen lassen. Dabei war legendär, dass der „Bild“-Chefredakteur Übertreibungen formulierte, um zum Kauf des vom Papier und erst recht vom Inhalt her dünnen Blatts zu verführen. Umso dicker waren die Buchstaben auf Seite 1, die Druckerschwärze glänzte fast noch feucht, ihr Geruch war Teil des Verführungsprogramms.

Was wissen wir in der Schnelllebigkeit unserer Zeit über Ereignisse? Rasch verfügbar und dennoch verlässlich, also geprüft, „gecheckt“?

Die uns gesundheitlich ab März 2020 fordernde Pandemie war vordergründig eine Belastung für unsere Körper. Die Krankheit wandelte sich zu einer endemischen Form. Eine viel wesentlichere Facette der Epidemie plagt uns weiterhin. Es ist die des Verlusts des Vertrauens in die Wissenschaft. Es ist die der Starrheit der Perspektive. Es ist die der Bewegungsarmut des Geistes rund um einen Sachverhalt, um diesen auch von anderen Seiten zu betrachten.

Würde zumindest gelingen, ein Ereignis in – bleiben wir bescheiden! – mehr als nur einer, also zumindest einer weiteren Ansicht wahrzunehmen, wäre das schon ein probates Mittel gegen die sich heutzutage rasch aushärtende Meinungsbildung auf Basis eines sonst nur schmalen Ausschnitts Wirklichkeit.

Das erinnert an den berühmten Cartoon aus so manchem Fachbuch zur Kommunikation. Zwei Figuren stehen einander gegenüber, zwischen ihnen liegt eine Ziffer auf dem Boden, für den einen erscheint sie als neun, für den anderen als sechs. Ein Streit darum, was es nun ist, sechs oder neun, entsteht aus der Hitze, wenn sich statt Akzeptanz der Sache in der jeweiligen Perspektive die Meinungen reiben. Das zündet dann die Emotion. Diese wiederum befeuert einseitig Betroffenheit und befriedigt darin auch Schaulust. Das alles geht entsetzlich schnell, interessiert kurzfristig, lässt dann weitereilen zum nächsten Reiz, der Emotion auslöst, Betroffenheit wird, Sensationsgier stillt.

Verlässliche, also geprüfte Informationen, die in ihrer Passung zueinander bestehen können, bilden Wissen. Wissen entsteht aus Arbeit, diese benötigt Anstrengung. Darin wächst Wissen zur Macht; nämlich der Macht über all den Blödsinn, der sonst wider besseren Wissens Verbreitung findet.

Foto: Pexels/Free Photo Library

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