Lifestyle & Mode

Wann ist Schönheit ideal?

Schönheit, so sagt man weise, liege im Auge des Betrachters. Welchem Ideal auch immer aktuell gefolgt wird, wir sind bestrebt, es kulturhistorisch einzuordnen. Woher kommt es und warum kommt es wieder? Was bildet einen gegenwärtig geltenden Maßstab?

Ein Meme begegnet mir in Facebook, die Botschaft über dem Bild, Zitat: „Ich stelle mit Bestürzung fest, dass sich der Kanon der „Schönheit“ in letzter Zeit gefährlich dem annähert, was die Muppets 1975 zeigten“, das Bild zeigt Janice (ich weiß, dass nun alle diese Puppe googlen wollen! Insofern eine kurze gelenkte Google-Pause in diesem blog-post … jetzt hier!).

Wir erkennen die vorsichtige Formulierung in der Text-Bild-Kombination, welche eben zu würdigen versteht, dass „Schönheit“ (auch im Zitat unter Anführungszeichen) Auslegungssache ist. Heutzutage findet diese oftmals in Gestalt von auf die natürlich gewachsenen Fingernägel gelegten und geklebten Kunststofferweiterungen statt. Mann versteht da nicht, wie sich mit diesen feinmotorische Arbeiten vollziehen lassen.

Ich selbst wurde vor Jahren in einer Selbstbedienungsfiliale meiner Bank zuerst nur Ohren-, dann Augenzeuge folgender Geschichte. Während ich am Automaten hantierte, der mir meine Kontoauszüge ausdruckt, spazieren kichernd zwei Teenager herein und begeben sich (nach meiner akustischen Verortung) an einen Geldausgabeautomaten an der anderen Seite des Selbstbedienungsfoyers. Ich erwarte weitere Zehn-Blatt-Pakete aus dem Drucker und staple die fertigen, bereits von der Maschine ausgespuckten in die richtige Reihenfolge. Plötzlich schrilles Gekreische, das in einer Tausendstelsekunde das Gekichere ablöst. So schnell ich hinschaute, war ein anderer Kunde bei den beiden Mädchen vor Ort. Notfall! Erste Hilfe! Es ging darum, die in den Schlitz der Maschine, versenkt in einer halbkugelförmigen Einbuchtung, gesteckte Bankomatkarte nach der Abhebung wieder herauszuziehen. Das ging bei beiden Mädchen mit den langen Fingernägeln nicht. In der baulichen Ausführung der Geldausgabe funktioniert mit der Distanzsperre Kunstnagel zu Gehäuse um den Schlitz der Pinzettengriff nicht mehr. Der Retter zog die Karte! Frieden und Freude für die beiden Kundinnen. Willkommen in der Welt der first-world-problems!

Das Schönheitsideal ist also nicht für jede Alltagshandlung ideal und wie bei so vielem trifft der Habitus (nach Soziologen Pierre Bourdieu) nicht nur eine Aussage über Rang oder Status in der Gesellschaft, er wird selbst zu Kommunikation.

Ich verkehre für den Einkauf zur Stillung meines mittäglichen Hungers bei einem Nahversorger in der unmittelbaren Nachbarschaft meines Dienstorts. Dort beobachte ich seit kürzerem die Zunahme von diesen besonders bewehrten Finger(nägel)n bei den Mitarbeiterinnen, die mir die Ware verkaufen. Sie fassen Lebensmittel an, tragen keine Handschuhe und ein hier ebenso wie überhaupt weit verbreitetes hygienisches Problem ist ja, dass diese fürsorglichen Hände nicht nur Essen, sondern danach vom gleichen Kunden wie zuvor vom vorangegangenen auch Geld anfassen, Münzen und Scheine.

Ich bin bei kleinen Beträgen gerne Barzahler. Unlängst wanderte ein Fünf-Euro-Schein als Wechselgeld zu mir. Er sah so mitgenommen aus. Die verlängerten Fingernägel, Krallen gleich, durch die er gehen musste, schienen ihm zugesetzt zu haben. Und dann kam es für mich noch zu einer Steigerung: Denn wenn Münzen herausgegeben werden, fahren die gerne in einer halb geschlossenen Hand über meine darunter geöffnete Handfläche. Als sich dann die Finger-Baggerschaufel öffnete, um das Metall fallen zu lassen, bei Nähe, um nichts zu verstreuen, kam es zur – ja doch – kratzenden Berührung meiner Hand durch diese Kunststoffkrallen. Ein Schrecken nicht nur, sondern seither macht mir diese Berührungswahrscheinlichkeit Angst! Ich mute darum in diesem Geschäft meiner Debitkarte und meinem Konto ab sofort Kleinstbeträge zu.

Foto: Pexels/Free Photo Library

1 reply »

  1. Und wenn der Scanner den Code nicht lesen kann, darf man dabei zusehen, wie die junge Dame an der Kassa unwillig und unfähig ist, die Ziffern auf der Kasse einzutippen, weil leider die Fingernägel zu lang sind … Seufz.

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